Druckschrift 
3. Geschichte der Judäer von dem Tode Juda Makkabi's bis zum Untergange des judäischen Staates 2 (1906)
Entstehung
Seite
691
Einzelbild herunterladen
 

Note 12. Das Trihäresion.

691

weit gefunden zu haben. Man würde daher sich irren, wenn inan, von dergangbaren Bedeutung dieses Wortes in der nacharistotelischen Zeit verleitet,annehmen wollte, die Pharisäer seien Fatalisten gewesen, und ihre Gegnerhätten das Fatum geleugnet. Joscphus selbst verwahrt sich gegen ein solchesMißverständnis und bringt die ausdrücklich mit Gott in Verbindung

Entkleiden wir diesen Gedanken seines hellenischen Gewandes, was JosephusDarstellung der Kritik ost genug zur Pflicht macht, und sehen wir uns nachdem demselben entsprechenden judäischen Gedanken um, so wird die Differenzganz anders lauten. Sie hat zu ihrem Inhalte den Umfang und die Grenzender göttlichen Einwirkung auf menschliche Handlungen oder das Verhältnisder menschlichen Freiheit zu der Vorsehung. Der Pharisäismus führt allesmenschliche Tun, mit Ausnahme der unter Sittlichkeit fallenden Handlungen,auf Gott zurück; der Mensch sei nicht Herr seines Geschickes, sondern alleswerde von Gott dem sich rein passiv verhaltenden Menschen zugeteilt; dieSadducäer hingegen behaupteten, Glück und Unglück seien Folgen seiner Hand-lungen, und die göttliche Vorsicht habe keinen Einfluß darauf. Am deutlichstensind diese Ansichten von Josephus entwickelt in einem Nachtrags zur Schilderung0 er Pharisäer (Aliert. XVIII, l, 3); rroaaak«s»l 7k

und von den Sadducäern (das. XIII, 5, 0) ovöe (rHi- kl/iao-

-r» rr'la? 1«^ ürl Ein Nachhall der pharisäischen

Ansicht findet sich in einer talmudischen Stelle, daß jedes den Menschen be-treffende Ereignis in Gottes Hand sei, mit Ausnahme der religiös-sittlichenHandlungen cnierr pm onrir '-na br.i. Wenn diese Ansicht auch von einemSpäter« tradiert wird, so zieht sie sich doch wie ein Faden durch den den Phari-säismus reflektierenden Talmud hindurch. Es ist aber ganz undenkbar, daß dieHauptdifferenz, die von Josephus als erste aufgestellt wird, sich um abstrakteBegriffe gedreht habe, oder daß die Sadducäer die göttliche Vorsehung überhauptgeleugnet hätten. Mir scheint daher die Differenz eine konkret-politische Trag-weite gehabt zu haben. Denn wie die Chaßidäer, die leiblichen Väter derPeruschim, sich äußerten:Verflucht der Manu, der Fleisch zu seiner Hilfenimmt und sein Herz von Gott abwendet" (o. S. ti), ebenso scheint diepharisäische Partei stets einen Widerwillen gegen die Anknüpfung diplomatischerVerbindungen mit Heiden empfunden zu haben. Gegen diese Staatsweisheitwar wohl zunächst das pharisäische Prinzip gerichtet, daß jeder Erfolg so wiejedes Mißlingen einzig und allein von Gott abhänge, und die menschliche Tatnicht das Geringste dazu beitrage. Und in der Tat, wenn die Prämisse zuge-geben wird, konnte die politische Verbindung mit Heiden eher für gefährlich alsförderlich für den Bestand des Judentums erachtet werden. Der Pharisäismushat demnach keine neue Theorie aufgestellt, sondern hat nur die alte vonPropheten und Psalmisten scharf genug betonte Anschauung,daß das Kriegs-roß eitel sei zum Siege, und auch mit großer Heeresmacht man sich nicht rettenkönne, sondern daß Gottes Auge über seine Treuen wache, ihr Leben dem Todezu entziehen", auf die Situation seiner Zeit angewendet.

So naiv-gläubig konnte allerdings die Anschauungsweise der Sadducäer,dieser reichen oder reich gewordenen, in den Schlachten gegen die Syrer er-grauten Kämpfer, nicht sein. Daß die reiche judäische Aristokratie die Trägerindes Sadducäismus war, wiederholt Josephus öfter (;. B. Altert. XVIII, l, 4):

44 *