Druckschrift 
3. Geschichte der Judäer von dem Tode Juda Makkabi's bis zum Untergange des judäischen Staates 2 (1906)
Entstehung
Seite
524
Einzelbild herunterladen
 

524

Geschichte der Juden.

Kaiser ciusgerufen und hatte in Rom die Zügel der Regierung mitgreisenhaft zitternder Hand ergriffen. Er war alt und kinderlosund mußte daran denken, einen Nachfolger zu erwählen. In dieserkritischen Zeit, in der jeder Tag eine ereignisreiche Neuigkeit bringenkonnte, hielt es Vespasian nicht für geraten, sich auf die BelagerungJerusalems einzulassen; er nahm vielmehr eine abwartende Stellungein und sandte seinen Sohn Titus mit dem Könige Agrippa nach Rom,um den neuen Kaiser zu begrüßen, und von diesem, wie man sichsagte, vielleicht adoptiert zu werden. Als aber Titus in Korinth er-fuhr, daß Galba getötet (5. Jan. 69) sei und an seiner Stelle zweiKaiser gewählt seien, Otho in Nom und Vitellins in Nieder-deutschlaud von den Legionen, kehrte er, neuer Hoffnung voll, um.Noch ein anderer Magnet zog ihn nach Judäa, die. Reize der judäi-schen Prinzessin Berenice, die, wie fromm sie auch nach den Gebräuchendes Judentums lebte, doch ein sträfliches Liebesverhältnis mit demHeiden Titus unterhielt*). Er erlag ihrem Zauber und war so innigmit dem judäischen Königshause verbunden, daß er Agrippa vonGriechenland ans allein nach Rom reisen ließ, um durch ihn Gewiß-heit über die Vorgänge^) in Rom zu erlangen. Agrippa hatte baldGelegenheit hochwichtige Nachrichten mitznteilen. Otho blieb kaumhundert Tage Kaiser; denn er hatte bald gegen den neuen Gegenkaiserzu kämpfen, den die deutschen Legionen auf ihren Schild gehobenhatten, um den spanischen Legionen zu zeigen, daß sie besser ver-stünden, einen Kaiser zu wählen und zu unterstützen. Die verwund-bare Stelle des römischen Riesenleibes war offenkundig geworden.Man sah, daß der Cäsar Augustns nicht bloß in Nom und von derprätorianischen Leibwache sondern auch in den Provinzen von denLegionen gewählt werden könne. Vitellins' Heer besiegte dasjenigeOthos; dieser starb heldenmütig durch eigene Hand (16. April 69), undder sklavisch feige Senat, der Neros Torheiten und Verbrechen Bei-fall gezollt hatte, beeilte sich, den Wüstling Vitellins als Kaiser zubegrüßen, wie er seine beiden Vorgänger begrüßt hatte. Wäre damalsnicht schon die Kraft der judäischen Nation gebrochen gewesen, hättendie todesmutigen judäischen Krieger, die schon im Staube lagen, wieein Mann gegen das anarchische Rom auftreten können, hätte sichAgrippa an die Spitze der Bewegung gestellt und, gleich seinem Vater,ein Bündnis mit den asiatischen Völkern gegen Rom geschlossen, werweiß, ob nicht damals schon der römische Koloß zusammengstürzt wäre.Allein es war von der Vorsehung bestimmt, daß Judäa seinen staat-

*) Daeitus bist. 2, 1 2 .

-) Das. 2, 81. Joseph, das. IV, 9, 2.