Druckschrift 
1 (1873) Geschichte der Israeliten von ihren Uranfängen (um 1500) bis zum Tode des Königs Salomo (um 977 vorchr. Zeit) : nebst synchronistischen Zeittafeln
Entstehung
Seite
355
Einzelbild herunterladen
 

Die Geschichtsprosa.

355

unmenschlich an ihr, daß sie leblos niederste!. Aer Levite machte dieseUnthat sümmtlichen Stämmen bekannt; diese versammelten sich undforderten die Benjaminiten auf, die Frevler von Gibea zur Bestrafungausznliefern. Aber diese machten mit ihnen gemeinsame Sache undzogen sogar in den Krieg gegen die übrigen Stämme. Von beidenSeiten fielen dabei viele Tausende, bis es endlich den Verbündetengelang, durch eine List die Benjaminiten zu besiegen und völlig auf-zureiben, bis auf 600, welche sich auf einen Felsen geflüchtet hatten.Dann bekriegten sie auch die Bewohner von Jabesch-Gilead, welchedem Aufrufe zum Kriege gegen die Frevler nicht Folge geleistet undstillschweigend für Gibea Partei ergriffen hatten. SämmtlicheStämme schwuren damals, den Benjaminiten keine ihrer Töchter zurFrau zu geben. Um aber den Stamm Benjamin nicht ganz ein-gehen zu lassen, besannen sie sich eines Bessern und gaben ihnenvierhundert Jungfrauen, die von Jabesch-Gilead zu Gefangenengemacht worden waren, und den übrigen 200 gestatteten sie beimTanze zur Zeit der Weinlese in Schilo, wo die Familienväter ihreTöchter mitzubringen pflegten, sich Jungfrauen zu rauben. Vondiesen sechshundert Benjaminiten und den geraubten Jungfrauenentstand der Stamm Benjamin wieder.

Der Styl dieser beiden Erzählungen ist glatt, anschaulich, drama-tisch, lebendig. Er läßt erkennen, daß die Geschichtsdarstellnug infließender Prosa damals nicht mehr in den Anfängen, sondernbereits ausgebildet war. Es muß schon eine geschichtliche Literaturbestanden haben, aus welcher die jetzigen Bücher der Richter undSamuel stammen. Wie die hebräische Poesie an Alter die sämmt-liche Völkerpoesien übertrifft, so auch die hebräische Geschichtsprosa;sie ist um vier Jahrhunderte älter als die allerülteste, die griechische.Sie hat allerdings nicht die künstlerische Vollendung der griechischenerreicht, sie hat aber im spätern Verlauf den Vorzug der Schlichtheit,der Anschaulichkeit, der einschmeichelnden Innigkeit und Herzlich-keit vor ihr voraus. Sie hat noch von ihrer Mutter, der Poesie,manche Eigenschaften beibehalten.

Auch die Beredsamkeit, die bereits einen schönen Anfang gemachthatte, schmückte sich mit dem Zierrath der Poesie. Die feine, zartanspielende Rede der Thekoerin vor dem König David so. S. 267)ist von poetischen Blumen durchflochten. Die Beredtsamkeit derPropheten dieser Zeit hatte, wenn auch noch nicht in gebundener