Druckschrift 
1 (1873) Geschichte der Israeliten von ihren Uranfängen (um 1500) bis zum Tode des Königs Salomo (um 977 vorchr. Zeit) : nebst synchronistischen Zeittafeln
Entstehung
Seite
196
Einzelbild herunterladen
 

196

Geschichte der Juden.

ihn nicht zum Träumer; er besaß vielmehr einen richtigen Blickfür die augenblicklichen Lagen und Umstände und die Besonnenheitund Klugheit, sie zu benutzen. Zudem hatte er ein gewinnendes,bestechendes, man möchte sagen bestrickendes Wesen, das seine Um-gebung ihm unwillkürlich unterthänig machte; er war zum Herrschergeboren. Sein seelenvolles Auge übte einen Zauber aus, der ihmtreue Freunde warb und seine erbitterten Feinde entwaffnete.Indessen waren alle diese geistigen Anlagen und Vorzüge, wie gesagt,noch verborgen in ihm, als ihn Samuel heimlich salbte. Aber dieseSalbung und Wahl weckte sie im Nu aus dem Schlummer;der GeistGottes kam über ihn von diesem Tage an", nach der Sprache jenerZeit. Eine höhere Stimmung, das Bewußtsein der eigenen Kraft,Muth und Unternehmungsgeist erfüllten sein Wesen. Ein Augenblickhatte genügt, den Jüngling in einen Manu zu verwandeln. Heim-lich, wie er gekommen war, kehrte Samuel nach Raum zurück; aberden von ihm gesalbten Jüngling ließ er nicht aus den Augen; erzog ihn in den Kreis seiner Prophetenjünger. Hier erhielt seinedichterische Anlage die Ausbildung, hier konnte sich David imSaitenspiel vervollkommnen. Aber noch mehr als dieses lernte erin Samuels Umgebung: Gotteserkenntniß. Sein Geist wurde vonGott erfüllt und erhielt die innerliche Weihe, jedes Thun undLassen auf Gott zu beziehen, sich von ihm geleitet zu fühlen, sichihm hinzugeben. Die Gemüthsruhe und Gottergebenheit, dieDavid auch in den gefahrvollsten Lagen und bei Kränkungen be-wahrte, Kränkungen, die Menschen gewöhnlichen Schlages in ver-bitterte Stimmung oder Verzweiflung zu versetzen Pflegen, hat erin Samuel's Nähe erlernt:Gott ist mit mir, vor wem sollte ichmich fürchten; was könnte mir ein Mensch thun?" Diese tiefinner-liche Frömmigkeit, welche in den Psalmen einen so mächtigen Wider-hall gefunden hat, dieses höchste Gottvertrauen hat Samuel's Ein-fluß in ihm geweckt und bestärkt.

Ab und zu kehrte er von Rama nach Bethlehem, von Samuel'sLevitenorden zu den Heerden seines Vaters zurück i). Der höhereMuth, den er in Folge seiner Salbung und in der Nähe Samuel'sgewonnen hatte, verließ ihn auch beim Weiden seiner Heerden aufBethlehems Fluren nicht. Einst überfiel ein Löwe seine Heerde, und