Zeit. Rednerisch wie schriftstellerisch handhabte er das populäreWort mit wahrer Meisterschaft; dieser Meisterschaft war esmehr eigen, das Wort in die Breite ausströmen zu lassen, alses in präzisem, schlagendem Ausdruck zusammenzuziehen.Einer der besten Kanzelredner des Judentums, verstand er es,durch schlichte Art und geistvolle Wendungen zu fesseln undanzuregen; die wenigen von ihm veröffentlichten Predigtengeben nicht annähernd eine Vorstellung von der Macht, mitder sein lebendiges Wort wirkte, wiewohl dasselbe keineswegsdurch die äußeren Mittel seiner Persönlichkeit besonders gehobenoder gar getragen wurde. Auch als Gelehrter hat er für diejüdische Wissenschaft Vorzügliches und Bleibendes geleistet,namentlich hat er sich um die literarhistorische Forschung, dieer meisterhaft beherrschte, hochverdient gemacht; hingegenlassen die ersten Arbeiten, zumal aus der ersten Breslauer Zeit,zuweilen die volle Durchbildung des Verfassers vermissen, deres überdies liebte, auch in seinen gelehrten Arbeiten stets diereformatorische Tendenz hervorzukehren. Trotz seiner wissen-schaftlichen Bedeutung fehlte ihm die Tiefe des geschichtlichenBlickes. Trotz seiner Verdienste um den modernen Gottesdienstwar sein Empfinden für die Bedürfnisse und Regungen derVolksseele nicht fein und intensiv genug. Er war im Grundeein doktrinärer Rationalist. Auch sein religiöses Programmund Ziel trat nicht klar und bestimmt hervor, zumal er gegendie radikalen Strömungen, deren Sturzwellen damals überdas Judentum destruktiv hinwegrollten, eine mehr als wohl-wollende Neutralität beobachtete; man gewinnt unwillkürlichden Eindruck, als ob er auf einen ethischen Deismus lossteuernwollte und nur aus Opportunitätsgründen sich von einemoffenen Bekenntnis zurückhalten ließ.
Daran vor allem nahm Graetz schweren Anstoß, allmählichbildete sich bei ihm eine völlige Abneigung gegen Geiger aus!Mancherlei Scheinwerk und Flitter war bei den vielfachen.Organisationen, welche Geiger in tastenden Versuchen hervor-zurufen sich bemühte, Wohl mitunterlaufen, vielleicht gar nichtzu vermeiden; möglich auch, daß der üble Eindruck noch durcheine Art von Selbstgefälligkeit, durch den Trieb, überall zukleinmeistern, eine menschlich verzeihliche Schwäche, wovonGeiger nicht ganz frei war, verschärft worden. Gegen Schein-wesen und Schaumschlägerei empfand jedoch Graetz' Naturell