sehenen Oberrabbiners Akiba Eger eine vielbesuchte Talmud-schule blühte. Allein die Mittel der Eltern reichten zu seinemUnterhalt nicht aus, und der junge Graetz war zu scheu undzu stolz, um nach fahrender Schüler Art sich seinen Lebens-bedarf erbitten und erbetteln zu können. Man hatte alsokeine andere Wahl, als ihn nach Wollstein zu schicken, woseine Mutter Schwestern und Verwandte besaß, die zwarselbst über keine großen Schätze verfügten, sich aber doch ihresSchützlings annehmen würden.
Der Aufenthalt in Wollstein erwies sich für ihn als eineüberaus günstige Fügung. Die Stadt selbst, im Westen derProvinz gelegen, entbehrte nicht des landschaftlichen Reizes,dem des Knaben empfängliches Gemüt sehr zugänglich war,sie enthielt überdies eine vorwiegend deutsche Bevölkerungvon 2258 Seelen, darunter 841 Juden?) Die also gar nichtunansehnliche, dabei wohlhabende jüdische Gemeinde hattestets eine Ehre darin gesucht, eine gute Talmudschule zu unter-halten, und zeichnete sich derzeit dadurch aus, daß in ihr einHeller, freier Geist herrschte und sie das Bildungsstrebenunter ihren Angehörigen eifrigst zu fördern beflissen war.Der Rabbiner Samuel Samwel Munk war gegen Anfangdes Jahrhunderts aus Bojanowo nach Wollstein berufenworden; von ihm ging die Sage, daß er deutsch zu lesen undzu schreiben verstünde, und daß er in den Stunden, die „nichtTag und nicht Nacht" wären, deutsche Bücher und selbst Zei-tungen zu lesen pflegte. Keinesfalls trat er seinen Schülernstörend in den Weg, wenn sie ihre Sehnsucht nach profanemWissen zu befriedigen suchten, ja sich gegenseitig hiezn an-feuerten, indem jeder dem anderen in jugendlich ungestümemWetteifer den Vorrang abzulaufen trachtete.
Ende des Sommers 1831 langte Graetz in Wollstein an.Der junge „Bachur", der sich bereits an die Ausarbeitungeines kalendarischen Werkes, unter dem Titel pIL'n„Jüdische und deutsche Zeitrechnung" in einem allerdingsmangelhaften Hebräisch gewagt hattet) besuchte die talmu-
Staatsarchiv Posen, Wollstein C. 13.
2 ) Das Werkchen ist fein säuberlich abgeschricben in seinem Nachlaßvorgcsunden worden; er hatte es, wie er angiebt, am Mittwoch den 27. Elul(15. September) 1830 in Zerkow begonnen und in Wollstein, etwa 15 Jahrealt, vollendet.