der Persönlichkeit zu schätzen begann und dennoch das Heran-wachsende Geschlecht über Lesen, Schreiben und Rechnenhinaus in der Aneignung derartiger Kenntnisse nicht förderte,dasselbe vielmehr auf die Beschäftigung mit dem rabbinischenund hebräischen Schrifttum zu beschränken wünschte, daßman ferner in den Großgemeinden, wie Posen und Lissa,den Zentren des Talmudstudiums, die jungen Leute, insondersdie Talmudschüler, von der Erlernung profanen Wissensgeradezu abzuschrecken suchte, während häufig in den kleinenGemeinden diesem Bildungsstreben, soweit es möglich war,Vorschub geleistet wurde. So schwer und mühsam also geradedie besseren, die aufstrebenden Kräfte jener Generation inder Provinz sich durchzuringen hatten, um ihren Weg zufinden, so wurde doch dies wiederum durch den Vorteil aus-gewogen, daß dadurch ihre geistige Energie und Selbständigkeitgestählt wurde, daß sie fast durchwegs von dem Geist desTalmuds durchtränkt, mit seinem Wesen innig vertraut waren,und daß sie, von Enthusiasmus für die rabbin scheu Heroenerfüllt, die Begeisterung für die Ideen des Judentums insich einsogen und durch das Leben trugen.
Das war der Boden, auf dem Heinrich Graetz heran-wuchs; derartig waren die Verhältnisse und Faktoren, vondenen der Bildungsgang eines Mannes bestimmt wurde,der dazu berufen war, ein Geschichtswerk zu schaffen, monu-mental und volkstümlich zugleich, welches Tausende von Jahren,die entlegensten Himmelsstriche, die verschiedenartigstenKulturgebiete umspannt, welches die geschichtliche Entwicke-lung des Judentums wie eine magische, verblichene undunsichtbar gewordene Schrift mit allen Hilfsmitteln der Gelehr-samkeit und des Scharfsinnes in Hellem, zauberhaftem Glanzwieder hervortreten läßt und durch den begeisterten Aus-druck seiner geschichtlichen Darlegungen zu einem Erbauungs-buch im besten Sinne des Wortes für seine Glaubensgenossengeworden ist.