9
sich befände, denn theils von ihrer Neugierde getrieben, theils wohlauch non dem angeborenen Stolze und der Bescheidenheit ihresGeschlechts geleitet, welche ihnen in ihrer Stellung etwas mehrZurückhaltung zur Pflicht zu machen schienen, als ihre wenigergebildeten Gefährtinnen für nöthig hielten — hatte sich ein Dutzendder hübschesten Mädchen um Ghita versammelt, um zu vernehmen,was wohl diese vorläufig zu sagen haben mochte.
Wenn wir übrigens von der verschiedenen Stellung der Be-wohner sprechen, so darf dieses Wort nur in äußerst eingeschränkterBedeutung genommen werden. Porto Ferrajo zählte unter seinerBevölkerung bloS zwei Klassen — Handelsleute und Arbeiter; Aus-nahmen hievon gab es höchstens ein Dutzend, bestehend aus einigenniederen Beamten der Negierung, einem Advokaten, einem Arzteund etlichen Geistlichen. Der Statthalter der Insel war zwar einMann von bedeutendem Range, beehrte aber den Ort nur seltenmit seiner Gegenwart; sein Stellvertreter war nichts weiter alsein gewöhnlicher Beamter und aus der Stadt selbst gebürtig, wosein früherer Stand zu wohl bekannt war, als daß er es hätteunternehmen dürfen, an dem Orte, wo er geboren worden, denHerrn zu spielen. — So bestanden denn auch Ghita'S Gefährtin-nen aus den Töchtern der Kaufherrn und anderer Leute dieser Klaffe,welche der Umstand, daß sie Lesen gelernt hatten, gelegentlich auchin Livorno gewesen waren und von Seiten des Regierungsbevoll-mächtigten freien Zutritt zu dessen Haushälterin besaßen — dazuverleitete, sich über die ungezwungenere Neugier der weniger gebil-deten Mädchen der Stadt doch etwas erhaben zu dünken.
Ghita selbst verdankte übrigens den schon erwähnten Einflußüber ihre Freundinnen nicht sowohl dem zufälligen Vortheile einerGeburt als Krämers- oder Gastwirthstochter, als vielmehr ih-ren eigenen Vorzügen, denn ihre Herkunft, so wie ihr Familien-name war den meisten Mädchen aus ihrer Umgebnng gänzlich un-bekannt. Sie hatte erst vor sechs Wochen gelandet und war von