mein Kind! mein Kind! und Gott hat aus Gnade für einerMutter Flehen ihrer Fehler vergessen!"
Lionel trat vor der Heftigkeit der Kranken in sprachloser Ver-wunderung einen Schritt zurück. Die Röthe drang plötzlich inihre blaffen Wangen, und als sie schloß, faltete sie inbrünstig dieHände und sank auf die Kiffen, die ihren Rücken stützten. GroßeThronen drangen aus ihren Augen und tropften, langsam überdie eingefallenen Wangen hinabrvllend, auf die vor ihr ausge-breitete Bettdecke. Lionsl griff nach der Glocke, aber eine aus-drucksvolle Gebärde seiner Tante verbot ihm, sie zu ziehen.
„Mir ist wieder wohl," sagte sie, — „reichen Sie mir dasStärkungsmittel dort neben Ihnen."
Mrs. Lechmere trank herzhaft aus dem Glase und in der näch-sten Minute legte sich ihre Aufregung; in ihre Züge trat wiederihre gewöhnliche kalte Ruhe und in ihr Auge derselbe harte Aus-druck, als ob Nichts vorgefallen wäre, was ihren gewohnten,frostig-weltlichen Blick hätte trüben können.
„Sie sehen an meiner gegenwärtigen Schwäche, MajorLincoln, wie viel besser die Jugend die Verheerungen eiuer Krank-heit ertragen kann, als das Alter," fuhr sie fort; „doch lassenSie uns zu anderen und erfreulichere» Gegenständen zurückkehren.— Sie haben nicht nur meine Einwilligung, es ist vielmehr sogarmein eigener Wunsch, daß Sie sich mit meiner Enkelin vermählen.Ich betrachte dieß als ein Glück, das ich eher gehofft als zu er-warten gewagt habe und ich will frei bekennen, daß es für michder Gipfel meiner Wünsche ist, dessen Erreichung den Abend mei-nes Lebens nicht nur glücklich, sondern selbst gesegnet machen soll!"
„Wozu dann längeren Aufschub, meine theuerste Madame?In einer Zeit wie die jetzige ist Niemand im Stand, zu sagen,welche Ereignisse der neue Tag bringen kann und der Augenblickdes Getümmels und der Kriegsunruhen ist nicht die Stunde, umEhegelöbnisse zu registriren."