66
L i 11 o r a t u r.
durcheinander. Dann „Das Friedensfest“ — einetadellose, formal einwandfreie und getreue Schülerarbeitaus dem Holz’schen Seminar, nach allen Becepten desradicalen Naturalismus. Und endlich die „EinsamenMenschen“, in denen er sein 'Werk, das ihn erwarteteund brauchte, vollbracht und die lange Sehnsucht seinerLeute erlöst hat, indem er mit genialer Bravour dieHolz’sche- Technik theatralisirte: von allem der Mengeirgendwie Anstössigen, das ihren Verstand behelligenkönnte, reinlich und sauber ausgeputzt, auf die liebenGewohnheiten teutonischer Parterre eingestellt, Europaauf den Müggelsee reducirt, wie wenn man MauriceMaeterlinck Herrn Kadelburg übergäbe; und in diesemgezähmten, beschnittenen und zimmerreinen Naturalis-mus, der den Lieferanten des täglichen Brodes für dieBühnen noch gute Dienste leisten wird, der bewährteGeist der bürgerlichen Komödie, der Geist der reuigenEulalia, der Geist von Kotzebue, Iffland und Baupach,rührselig, zimperlich und platt, wie ihn die scheueHysterie Jener zwischen den Klassen liebt: Philistersind die Helden, nicht die wirklichen Philister desFlaubert und Zola, sondern wie der Philister sich vorsich selber aufspielt, philiströs idealisirte Philister,wichtigthuerisch, mit verkrüppelten Gefühlen und ein-geredeten Conflicten, im dumpfen Gedränge kleinerSchicksale, ohne Kraft, Leidenschaft und Trotz — alsob Einer das Böttcher’sche „Am Bhein“ oder sonsteine richtige Düsseldorferei mit allen ManetischenMätzchen copirte. Es ist die nothwendige Kunst desPreussen von 1890, die Kunst, die dieses Preussenbraucht, das ancien regime geblieben ist und gernefin de sücle scheinen möchte. „College Crampton“ unddie „Weber“, diese erstaunliche Goncourtisirung desBoger la Honte, sind — die Gattung einmal zuge-geben — ihre vollkommenen und durchaus unüber-trefflichen Meisterstücke.