Druckschrift 
Zur schönen Literatur und Kunst Theil 12 (1821) Früchte aus den sogenannt goldnen Zeiten des achtzehnten Jahrkunderts
Entstehung
Seite
385
Einzelbild herunterladen
 

Homer und Ossi an.

335

bcyder Nationen ist anders; das verschiedene Zeital-ter, in welchem Homer und Ossian lebten, nochganz ungerechnet. Was ein Tausend von Jahrenund Meilen von einander trennt, wollt Ihr als einSymplegma zu Einer Form vereinen ?

Schon das unterscheidet Homer von Ossianganz und gar, daß Jener, wenn ich so sagen darf,rein-objectiv, dieser r e in-su b je cti v dich-tet. Jener ist blos ein Erzähler; sein Hexameterschreitet ein - und vielförmig dahin, ohne alle Theil-nehmung, als die ihm der Inhalt auflegt. An die-sem g le i ch g e h a l te n e n Hexameter hastet gleich-sam die ganze Kunst Homers; in ihm tragt er alleLeidenschaften vor, in ihm schildert er alle Gegen-stände und Situationen im Himmel, auf Erden undim Orkus; mit ihm misset er Götter, Helden undMenschen gleichförmig. Aus dem gleich-förmigen Hexameter Homers und aus der ruhi-gen Weisheit, die ihn belebet, entsprang daherjener Styl Griechenlandes, der von dcr heitern Denk-art dieses Volkes zeuget. An ihm bildete Herr-d o t dem Vorträge und Perioden nach seine Ge-schichte ; nach ihm formete sich ein System der Göt-terlehre, der Kunst und Weisheit. Bey Ossiangeht alles von dcr Harfe der Empfindung,aus dem Gemüth des Sängers aus; um ihnsind seine Hörer versammlet, und er theilt ihnensein Inneres mit. In diese Welt ziehet er siehinein; diese Zauberwelt verbreitet ec rings um sich.Daher die Einleitungen in seine Gesänge, durch wcl-'che er die Seelen der Zuhörer in seinen Ton gleich-sam stimmet und füget. Er mahlet die Gegenstän-de umher, den Ort, die Tages - und Jahrszeit.HerdersW. Lic. u. Kunst. XIl. Bb