274 Herders Gedichte.
Ein goldenes Gemüth, ein heilig Streben,
Im Streben Kraft, in Kräften wahres Leben;Dort, wo im Pallast Sattigkeit gebeut,
Wohnt Ucberdruß und nicht die Seligkeit.
Die Dürftigkeit.
Was bin ich dir, Geliebter? Reizet dichMein Mangel, mein Bedürfen? Schaue mich.Kein Prachtgewand umschließet meine Müder,Was du mir schenktest, gcb ich gern dir wieder.Verlangen ist mein Rcichthum; meine ZierIst dieses Kind; dies schenk' ich wieder dir.
Der Ueberfluß.
Und dieses Kindes Freude kröne dich!
In Ihm , dem Holden, lieb' ich dich und mich.Froh müss' es stets dein Mutterarm umschließen,In Ihm des Vaters Abbild ganz genießen.
Wir wechseln unser Wesen; du in mirBist Ueberfluß, Begehren ich in dir.
Und unser Kind, die Liebe, unser Bild;Sie hat und giebt, was unfern Wunsch erfüllt,Von dir die Kraft, unendlich im Bestreben,
Von mir der Gaben Fülle, viel zu geben.Mittheilend Sehnen nur ist Selbstgenuß,
Und ohne Mangel darbt der Ueberfluß.