238
V. Lieder aus dem Süd.
Ach armes Weib, wie wird, wie wird dic's
gehn
Kommt cr zurück und wird dein Mädchen sehn —!Das süße Mädchen, das in Gram und LeidDir jezt gemacht so liebe, liebe Zeit.
Er kommt zurück, kommt schneller als cr soll,Auf springt das Thor; er tritt herein wie toll.
Die Mutter auf dem Schoos, wie Mütter sind,Sie herzt und weint und küßt das süße Kind.
Er steht und starrt und zittert blaß und bleich,Ach Kind und Mutter, Gott genade Euch!
Er zieht den Dolch und sonder Wort und SchmerzStößt ihn dem eignen Kinde durch das Herz.
„Weib ohne Zucht und Ehr und Scham undTreu,
Ergib dich Gott! dein Leben ist vorbei!"
Und steht und knirscht und hebt voll TigerwuthDen Dolch empor, der trieft von Kindes Blut.
Sie höret nicht, sie sieht nicht, drücktim
Schmerz
Den armen Säugling an ihr Muttcrherz,'
Sieht ächzen ihn, sein Seelchen will entflieh».
Und Mund an Mund will sie es in sich ziehn.
Welch Tigcrherz hätt' kalt das angesehn?
Ec sah es, sezt auf ihren Busen schön
Den Dolch; als plötzlich Lärm, Geschrei im Thurm
Es ruft und lärmt, von allen Seiten Sturm.