Druckschrift 
Zur schönen Literatur und Kunst Theil 8 (1821) Stimmen der Völker in Liedern
Entstehung
Seite
68
Einzelbild herunterladen
 

68

III. Vorrede

Affe mit dem Menschen. Das Leben, die Seeleihres Urbilds fehlt ihr ja, nemlich: Wahrheit, treueZeichnung der Leidenschaft, der Zeit, der Sitten; sieist ein müßiger Stutzer in einen ehrwürdigen Bar-den , oder einen zerrissenen blinden Bettler verkleidet,und mich dünkt, die Maskerade ist nicht der Redewcrth. Auch waren viele Stücke (ohne Stolz gesagt)so überseht und wurden in solchen Ueberletzungcn im-mer vervielfältigt, daß ich mir einen Vorwurf machte,diese Stücke, die Jahre lang bei mir gelegen hatten,aber nicht im Druck erschienen waren, nicht auch,als mein Wort, dazu zu geben. Sie sind nichts alswarme Abdrücke dessen, was der Uebcrseher beim Le-sen der Urilücke dachte und empfand; sie wurden aufsPapier geworfen, für ihn und einige wenige, die mitihm hierin Einerlei fühlten.

Montagnc sagt:die Volkspoesie, ganzNatur, wie sie ist, hat Naivetaten und Reize, durchdie sie sich der Hauptschönhcit der künstlich vollkom-mensten Poesie gleichet." Dies Eine Zeugnis überVolkslieder sey genug, statt vieler. Wir wollen lieberselbst etwas voranfügen, was zur Erläuterung undVorstellung dieser mancherlei Gedichte dienen könnte.

Es ist wohl nicht zu zweifeln, daß Poesie undinsonderheit Lied im Anfang ganz volksartig, d. i.leicht, einfach, aus Gegenständen und in der Spracheder Menge, so wie der reichen und für alle fühlbarenNatur gewesen. Gesang liebt Menge, die Zusam-menstimmung Vieler: er fordert das Ohr des Hörersund Ehorus der Stimmen und Gemüther. Als Buch-staben- und Svlbenkunst, als ein Gemählde der Zu-