VH. Dar Buch der gerechten Mitte
ncn Mann auf dem Felde, und einige Schritte da«van zwey Brüder, die man als wahrscheinliche Ur-heber des Mordes gesanglich einzog. Da der Tobtenur Eine Wunde hakte, die also auch nur EinenThater vermutken ließ, entstand die Frage: welchervon bcyden der Thätcr sey? Keiner der Brüderwollte die Schuld auf den ander» kommen lassen;leder sagte: „Er sey der Mörder." Die Sach«kam vor den König.
„Bcyden das Leben zu schenken, sprach er,hieße Mördern Gnade widerfahren lassen; beydetödtcn zu lassen, da nur Einer den Mord verübthaben kann, wäre wider die Gesetze und grausam.Am besten muß sie die Mutter kennen; Einer mußsterben; ihr Urtheil entscheide. "
In Thräncn brach die Mutter aus, da ihr derBefehl des Königs überbracht ward. „Indessen,wenn ich wählen soll und muß, sprach sie, so sterbe— der Jüngste. Der Aeltere lebe."
Der Richter wunderte sich, daß wider die Ge-wohnheit der Mütter, die den Jüngsten gewöhnlicham meisten lieben, diese Mutter den Aeltesten wäh-le ; darauf sprach sie also : „Der, dem ich das Le,hen rette, ist nicht mein leiblicher Sohn; er warmeinem verstorbenen Mann in der ersten Ehe ge-bohcen. Ihn wie meinen Schn zu achten, ver-sprach ich dem Vater, und habe bisher mein Wortgehalten. Verletzen würde ichs, wenn ich jetzt zumSchaden des Aeltesten aus Mutter-Zärtlichkeit meinKind, den Jüngsten, wählte. Ich fühle, was mirdie Wahl kostet." Weinen und Seufzen erstickte«die Worte.