24A VI. Ueber ein morgculandifches Drama.
Zweyter Brief.
Ist es möglich, daß Sie an der cchtheit d§rSakontala anders zweifeln können, als sofern manetwa aus Zartheit des Gunnths an einem unerwar-teten Gute, das vor uns ist, gleichsam liebend-un-gläubig zweifelt? Der Dichter Kalidas möge gelebthaben, wann er wolle; ein Europäer war dieserDichter Kalidas nicht: darüber dürfen Sie IhremHerzen und Ihrer prüfenden Ueberlegung trauen.
Welch ein weiter Gesichtskreis herrscht in die-sem Werke! ein Gesichtskreis über Himmel undErde. Welch eine eigene Art, alles anzuschauen!Götter und Geister, Könige und Hofleute, Einsied-ler, Bramanen, Pflanzen , Weiber, Kinder, alleElemente der Erde. Und wie tief ist alles aus derPhilosophie und Religion, der Lebensweise und denSitten der Indier- nach ihrem Klima, ihren Gc-schlechterabtheilungen und sonstigen Verhältnissen ge-schöpft, ja in diese verwebet. So äffet man nichtnach, auch wenn man das System und die Lebens-art der Indier auf allen Fingern herzusagen wüßte.Ueberdem ist die Zeit, in welche dies Stück gehört,auch für Indien nicht die heutige Zeit; die Sitten,die darin herrschen, sind nicht die heutigen Sitten.Das Wand, das Götter und Menschen, die sichtbareund unsichtbare Welt knüpft , ist so sonderbar ge-flochten, daß wir es, der Denkart unsres Zeitaltersnach, zwar anstaunen und erklären, schwerlich abererfinden und als eigne Schöpfung darstellen könnten,