238 VI. Ucber ein morgcnlandischcs Drama.
lische Original liefet *). Säumen Sie nicht, zumGenuß dieser unerwarteten Blume zu gelangen; eineschwache Zeichnung derselben, Key der ich mit Be-dacht mehr verschweige als darlege, soll nichts alsdie Lust dazu in Ihnen vermehren.
Duschmanta, Kaiser von Indien, ein Zweigaus dem Geschlcchte des berühmten Puru, verfolgtauf der Jagd eine Gazelle: der Wagenführer redetihn an und schildert ihn, wie ein Grieche den ja-genden Apollo schildern würde; die Flucht des Wil-des , die Schnelle des Wagens sind in wenigen Zü-gen so anschaulich gemacht, daß man sofort vor demGemahlde des Orts und der Handlung stehet. „Sie„darf nicht getödtct werden, ruft eine Stimme s dic-„se Antilope, o König, hat in unserm Walde ihren„Zufluchtsort!" Alsobald halt der Wagen: ein Ein-siedler flehet den König für die Sicherheit des heili-gen Waldes an. Edel gehorcht der Fürst, und derEinsiedler ladet ihn ein in diese geweihete Fceystatte,in der die Pflegetochter eines verehrten Bramanen,in dessen Abwesenheit, Gastfreundschaft übe. Dusch-manta nimmt die Einladung an, bemerkt die Zei-chen des Heiligthums rings umher, steigt ab vomWagen, legt seinen Königsschmuck ab, und betrittden ehrwürdigen Hain mit einer glücklichen, ihmselbst wundersamen Ahnung. Welch ein schönerEingang zur ganzen Begebenheit dieses Drama!Leise und höchst natürlich wird nicht nur Sakantalaangekündigt, sondern ihr auch im Gemüth des Le-
*) Sakontala oder der entscheidende Ring, einindisches Schauspiel von Kalidas, übersetzt vonG. Förster. Mainz und Leipzig. 1791.