505
dadurch erschwert worden wäre; Raoul und Ghita verfolgten daherlangsam ihren Weg den Felsen entlang. In Beiden tobte dergleiche Schmerz der Trennung, nur waren die Aussichten in dieZukunft bei Beiden fast gerade die entgegengesetzten. Das Mäd-chen nahm ohne Zögern den Arm des jungen Mannes; in ihrerStimme wie in ihrem ganzen Wesen lag eine Zärtlichkeit, welcheverrieth, welch' innigen Autheil ihr Herz an Dem, was vorging,nahm. Gleichwohl hatten ihre Grundsätze von jeher den Siegbei ihr davongetragen, und so beschloß sie auch jetzt, offen undwie ihr Zweck es erforderte, zu reden.
„Raoul," sprach sie nach einerjener glühenden Liebeserklärungen,welche einem Wesen von ihrer innigen, wahren Natur immer undselbst daun noch höchst angenehm sein mußten, wenn sie sogar dieNothwendigkeit cinsah, eine so einschmeichelnde Bewerbung zurück-zuweiseu — „die Sache muß jetzt ein Ende nehmen. Ich kann un-möglich die Sceuen noch einmal erleben, welche ich erst neulichmitangeschen habe; auch darf ich dir nicht gestatten, dich fernersolchen furchtbaren Gefahren auszusetzen. Je eher wir uns ver-ständigen und — ich muß beifügen — von einander scheiden, destoweiser und für Beider Interesse förderlicher wird es sein. Ichtadle mich selbst, daß ich das vertrante Verhältnis; so lange fort-bestehen ließ, und daß ich überhaupt so weit gegangen bin."
„Und so spricht die Fenerseele eines achtzehnjährigen, italienischenMädchens! Du solltest ans einem Lande abstammen, wo sie sich rüh-men, daß ihre Herzen noch wärmer als die Sonne glühten? — Duwillst einem Geschlechts angehören, das selten auch nur Eine —ja, ja, auch nur eine Einzige in sich begreift, die nicht bereitmäre, Heimath, Vaterland, Hoffnungen, Vermögen, ja selbst dasLeben anfzuopfern, um den Mann, der sie aus Allen ihres Ge-schlechtes auserkoren, glücklich zu machen!"
„Mir schiene das Alles leicht zu vollbringen, Raoul. 8> —ich glaube, ich könnte all' Das opfern, was du genannt hast, um