253 III. Persepolilanische Brief».
unser aller Herz und tägliche Erfahrung. In denungewissesten Dingen suchen wir Sicherheit, undwo diese uns die Natur versagt, schaffen wir sieuns in der Einbildung; wir knüpfen sie an Zeichen,Zeiten, Feste, Zahlen, und tragen diese, weil siedas Gewisseste, ein ewiger Kreislauf der Natursind, auch dahin über, wo Menschen sich selbst ihrverworrenes Gewebe bereiten. Auch der Menschheit,denken wir, wird die Vorsehung Feste des Früh-lings schaffen, nach Stürmen und Winter ein neuesJahr mit neuen Paradiesen bereiten. Oft tragt die-se Hoffnung dazu bey, daß Menschen selbst Handanlegen und das vorbereiten, was sie hoffen undwünschen; so regiert der Alte der Tage selbst durchden Wahn der Menschen die Welt. Würden man-che Dinge zu unsrer Zeit wohl so rasch vollbrachtseyn, wenn man sich nicht immer wiederholte, daßman am Ende eines Jahrhunderts lebe, und fer-nerhin nicht säumen dürfe? Noch vor Ablauf des-sen müsse alles vollbracht seyn. Und was erwartenMillionen Menschen nicht von der Jahrzahl i3oo?„Da wird eine neue Welt anbrechen? da wird Allesverjüngt seyn!" Der Himmel gebe.
Wenn Herodot uns nach seiner Art naiv er-zählt, daß die Aegyptcr zuerst die Mcynung vonder Unsterblichkeit der Seele eingeführet: „wennder Leib verderbe, wandere sie in ein andresThier', das eben geboren wird, und nachdem siedurch allerley Thierarten auf dem Lande, im Meerunh in der Luft umher gezogen, solle sie wieder inden Leib eines Menschen, der eben geboren wird,einziehen:" so setzt er eben so naiv hinzu: „dieseUmwanderung werde in dreitausend Jahren vollen-