12
Kritische Wälder.
in der Hand, ein Lustwaldchcn der alten griechischenMusen zu besuchen.
Zuerst dis Frage: JstS wohl so leicht Homer'irzu tadeln? ich meyne so leicht für uns, in un-serer Zeit, Denkart und Sprache? Es sollte scheinen.Denn sind wir nicht in Gelehrsamkeit und Wissen-schaft und Stufe der Cultur ungleich höher, als dasZeitalter Homers? Ist die Welt nicht drei tausendJahr alter, und also auch vielleicht drei tausendmalerfahrner und klüger geworden? Kniet also nichtder Allvater Homer vor dem Geschmacks und Ur-thcile unscrs Zeitalters, wie vor dem Tribunal desjüngsten Gerichts? Ick) sollte fast glauben! oderbeinahe nicht glauben: denn unser Jahrhundert magin Allem, was Gelehrsamkeit heißt, so hoch gekom-men seyn, als es will und ist; so ists doch in Al-lem, was zur poetischen B eurth ei lun g Homersgehört, nicht höher; ja, ich behaupte, daß cs hierindem Jahrhunderte geborner Griechen, die HomersZeitgenossen, oder wenigstens Landsleute und Brü-der einer Sprache mit ihm waren, weit hintennachsey. Wir sind nicht nur nicht höher hinauf, wirsind gewissermaßen aus der Welt hinaus ge-rückt, in der Homer dichtete, schilderte und sang.
Homers Sprache ist nicht die unsere. Er sang,da dieselbe noch blos in dem Munde der artikulirtsprechenden Menschen, wie er sie nennet, lebte, nochkeine Bücher, noch keine grammatische, und am we-nigsten eine wissenschaftliche Sprache war. Ec be-guemte sich also den Artikulationen der Zunge sei-ner Menschen, den Beugungen, und dem Wortge-