das Studium der Theologie betr. 36z
bei gedankenlosem Leichtsinn? Wenn ein SokrateS,nur eine Wahrheit der Philosophie untersuchend,zu seinem höchsten Gott betet: wie einfaltig und
erhaben ist sein Gebet! Wenn die Pythagoraer Gottlieber durch Schweigen, durch stilles Suchen undNachahmen, als durch leeres Wortgeschwatz ehrenwollten: wenn manche Völker den großen Unnenn-baren am besten mit einem stillen Schauer kindli-cher Liebe anzubeten glaubten; wie? und wir Chri-sten, denen der Sohn aus seinem Schooße ihn, alSden Vater, als die allwirkende überall ergosseneQuelle alles Lebens, aller Seligkeit kund gethanhat, wie weit stehen wir in so manchen Büchern,Predigten, Thaten und Gebrauchen hinter ihnen!Nicht, als ob ich Ihnen jene unlautere Empsin-dungSquelle, den Mysticismus, oder gar, zum Er-satz der Empfindung, die kalte, hochtönende Phan-tasie, ein aufflicgendes Odengeschwatz u. dgl. an-prcisen wollte. Gott wird sowohl dadurch, alsdurch jeden leeren Schein der Heuchelei und derAbgötterei entehret; ja durch diesen wird eine Ge-meine oft nur verführt und geärgert. Reden Sievon und zu Gott in Einfalt des Herzens, wie Siedenken, wie Sie ihn erkennen und empfinden.Lernen Sie ihn also recht erkennen, sicher empfin-den; nicht durch Worte allein, sondern durch Gc^danken, durch Hebung und Erfahrung. Dies istdie rriefiitutlo, orrrtio, teulutio, die Lutherzum Studium der Theologie vorschreibt; denn nie-mand kann einen andern lehren, was er selbst nichtweiß, und niemand einem andern geben, was erselbst nicht hat; also —
Herders Werke t- diel. 11. Thcol. IX. A a