Conjektur (nicht in allem möglichen, philoso-phisch- politisch- mathematisch - theologisch- mensch-lichen , sondern) hier allein in kritischem Verständeist wie das Schneidemesser des Wundarztes. Noth-wendig und heilsam kanns allerdings leider! seyn;aber nur fürchterlich nothwendig, fürchterlich heil-sam; und der Elende, der damit spielt und schnitzelt,hier nach Belieben ein Ohr, dort ein Auge, dorteine Nase wegbringcn oder besser machen will, dieihm nicht recht ist: ein Verstummter ist er.
Ich unterscheide Conjektur von Lesart. Les-art ist immer doch schon ein Faktum, wenigstensdes Jrrthums, das wir nicht erst lüstern in dieWelt pflanzen; Conjektur noch ein Hirngespinst,ein nacktes Unding, dem wir erst, trotz aller Texte,Lesarten und Abschriften, Existenz geben. Lesartist ein bestimmter, gegebener Fall, der nach Ge-setzen der Wahrscheinlichkeit, wenigstens als Fehlerdes Abschreibers berechnet werden kann; Bruch voneinem endlichen Ganzen, Conjektur muß als Noth-tvcndigkeit ins Auge fallen, oder sie ist ein Nicht-zum Unendlichen, und nimmts doch mit allen exi-stirenden Fallen auf. Nicht sorgsam und bescheidengenug kann also die Conjektur gehen, und dochist sie der lebende Eigensinn — warum? sie ist