130
„Bring' mir mein schwarzes Notandum-Buch," sagte der Wirthzu seiner Frau, welche das Wehklagen der Schneiderin an's Fenstergelockt hatte. „Mich dünkt, die Frau murmelte so etwas voneinem Abstecher ihres Mannes; ist er eines solchen Streiches fähig,der Philosoph, so mnß ein Ehrenmann wie ich nach seinen Buch-schulden sehen. Sieh' da, so wahr ich lebe, Ketzija, du hast demhinkenden Bettler siebzehn und sechs Pence Kredit gegeben, unddas für lauter Morgenschnäpse und Nachttränkc!"
„Na, na! guter Freund, nicht so hitzig, ohne allen Grund!Hat er unserm Jack nicht ein Kleidchen zur Schule gemacht? Duwirst finden, daß..."
„Still, gutes Weib," erwiederte der Wirth, das Buch zu-schlagend, cs der Frau zurückgebend, und ihr winkend, sich zuentfernen. „Wie ich sage, Alles findet sich zu seiner Zeit, und jeweniger Lärmen wir über die Absprünge unserer Nachbarn machen,destoweniger wird man uns selbst Böses nachsagen. Der Mann,"setzte er hinzu, sich an den Fremden wendend, „ist ein guter, fleißi-ger Arbeiter, aber Einer, dem die Sonne niemals hat in dieFenster scheinen wollen, obschon, weiß es der Himmel, das Glasnicht so dick ist, daß ihre Strahlen nicht durchkönnten."
„Wie könnt Ihr aber auch nur, bei so schwachen Vermuthun-gen und Beweisen glauben, daß sich ein solcher Mann wirklichdavon gemacht habe?"
„Ei," entgegnete der Wirth, mit gefalteten Fingern beideHände über die Brust legend, und sich ein wichtiges Ansehen ge-bend, „dergleichen Unglück ist wohl schon bessern Leuten begegnet!Wir Gastwirthc sind so ziemlich im Besitz aller Stadtgeheimnisse,weil ein lustiger Trunk die Zunge zu lösen pflegt; wir müssenfolglich wohl wissen, wie es bei unserm nächsten Nachbar zugeht.Könnte der gute Nachbar Homespun den Geist seiner Ehehälfte sozügeln und bügeln, wie eine Naht, so würde Manches nicht ge-schehen, — aber.... Wollt Ihr nicht Eins trinken, Sir?"