46-1
wohlhabenden Umständen und gehörte einem weit höheren Ge-sellschaftskreise an, als Grace und ich vermöge unserer eigenenStellung ihn hätten ansprcchen können. Lucy war als eine Ver-wandte und als Tochter eines Geistlichen, Graee aber, wie ichspäter erfuhr, um ihrer selbst willen sehr freundlich ausgenom-men worden.
Es hieße Clawbonny zu hoch stellen, wenn ich behauptenwollte, die beiden Mädchen hätten durch diesen Umgang nicht ge-wonnen, obwohl es kaum möglich war, meiner Schwester mehrseine Weiblichkeit und Adel deS ganzen Wesens beizubringen als sieschon von Natur besaß. Die Wirkung bei Lucy war einfach die, daßihre angeborene Freimüthigkeit, ihre treuherzige Offenheit tu etwaseingeschränkt wurden; doch muß ich der Wahrheit zu Liebe bekennen,daß der Umgang mit der Welt, besonders mit dem Theil derselben,in welcher MrS. Bradfort sie einführen konnte — den natürlichen Reizin dem Wesen der beiden Mädchen bedeutend erhöht hatte. Ichfing sogar an zu glauben, Emilie Merton könnte, statt noch irgendeinen Vorzug vor meinen Freundinnen zu besitzen, durch ihren Um-gang selbst in Manchem gewinnen.
Zu Haus mußte ich meine ganze Geschichte erzählen und hatteeine Menge von Fragen zu beantworten. Von Miß Merton warmit keiner Sylbe mehr die Rede: sogar Lucy machte wiederihre Bemerkungen und lächelte mich an wie früher. Als endlichLichter gebracht wurden und die Mädchen Shawl und Hut ablegten,stellte ich Beide vor mich hin, um mich zu überzeugen, wie vieldie Zeit an ihnen geändert hatte.
Grace zählte jetzt neunzehn Jahre und Lucy war nur sechsMonate jünger. Die größte Veränderung war mit Letzterer vor-gegungen: ihre Gestalt hatte eine Reise erlangt, welche sie dervollendeten Jungfrau näherte. In dieser Hinsicht hatte sie einenVorzug vor Grace voraus, welche etwas gar zu leicht und zartwar, wogegen Lucy ohne eine Spur jener Schwerfälligkeit, welch-