150
standen haben, die Größe Gottes schauen und die Seligkeit derHeiligen genießen dürfen. Alles was jetzt dunkel ist, wird vorunserem erweiterten Gesichtskreise klar werden, und Alles was sichmit unseren dermaligen beschränkten Begriffen von Gnade, Ge-rechtigkeit und Liebe nicht vereinigen läßt, sehen wir dort in demHellen Lichte der Wahrheit, wo es sich als das Ergebnis; derewigen Weisheit »nd als das Wirken einer allmächtigen LiebeHerausstellen wird.
„Welch' eine ernste Aufforderung zur Demnth, meine Brüder,kann nicht ein Jeder schon darin finden, wenn er ans die Tageseiner Kindheit znrückblickt, und sich seiner jugendlichen Leiden-schaften erinnert! Wie verschieden erscheint nicht dieselbe Hand-lung elterlicher Strenge in den Augen des leidenden Kindes undin denen des gereisten Mannes! Wenn der Mensch, der sich weisedünkt, die wirren Sähe seiner weltlichen Weisheit an die Stelleeiner unmittelbaren höheren Eingebung pflanzen will, so möge erbedenken, wie beschränkt sein eigener schwacher Verstand ist, under wird sich nicht weiter überheben; ja er muß die WeisheitGottes in dem, was theilweise verhüllt ist, ebenso gut erkennen,als in dem, was offen vor ihm da liegt. An die Stelle seinesVernnnftstolzes lasse er unterwürfige Demnth, Glauben undwahres inneres Leben treten!
„Die Betrachtung dieser Frage, meine Zuhörer, enthält vielTröstliches und hat ernste Aufforderungen zur Demnth in ihremGefolge, die in reinem Sinne geübt, das Herz bessert und denKleinmuth des Erdenpilgers ans seiner Wanderschaft verscheucht.Es ist ein köstlicher Trost, die Zweifel unserer anmaßenden Naturan der Schwelle unserer ewigen Heimath niedcrlegen zu dürfen,von wo sie, sobald die Thüre sich öffnet, wie Morgennebel vor-der anfsteigenden Sonne verschwinden. O, es liegt eine heiligeLehre in der Unzulänglichkeit unserer Kräfte, denn sie macht unsauf viele schwache Seiten aufmerksam, an denen wir von dem