367
«
„Ruhig, mein Bruder, und höre weiter," fuhr Jsabella fort,indem sie ihre letzten Kräfte zusammenraffte. „Hier steht die un-schuldige Ursache, welche ihn rechtfertigt. Wir Beide sind mutter-los; aber diese Tante — diese milde, offenherzige, achtsame Tantehat Ihnen zum Siege verhelfen. O wie viel verliert das Mädchen,wenn sie die Hüterin und Beschützerin ihrer sorglosen Jugend ver-liert! Ich habe Gefühle kund gegeben, welche Sic zu unterdrückengelernt haben. Kann ich nach all' Diesem noch zu leben wünschen ?"
„Jsabella! meine arme Jsabella! du redest irre."
„Nur noch ein Wort — denn ich fühle, dieses Blut, welchesimmer so rasch floß, nimmt eine Richtung, wohin es die Naturnicht leiten wollte. Das Weib ui ns; sich anfsuchen lassen, wennes geschätzt werden will; sein Leben besteht aus verschlossenen Ge-fühlen. O wie glücklich sind die, die diese Beherrschung früheerlernt haben, und von Heuchelei frei bliebe»! Nur ein solchesMädchen kann das Glück eines Mannes — kann Dnnmoodie'sGlück machen."
Ihre Stimme versagte, und sie sank stumm in das Kissen zu-rück. Singlctons Angstrns versammelte die übrige Gesellschaft umdas Sterbebette, aber der Tod lagerte bereits auf ihren Zügen.
Ihre Kräfte reichten eben noch zu, um Georgs Hand zu fas-sen und sie an ihre Brust zu drücken; dann sank die ihrige —noch eine Zuckung — und sie hatte ansgcathmet.
Franziska Wharton hatte geglaubt, das Schicksal habe durchdie Gefährdung des Lebens ihres Bruders und die Verwirrung desVerstandes ihrer Schwester das Aergste über sie verhängt; aberder Trost, den ihr die Sterbende gab, lehrte sie, daß noch einanderer Kummer schwer auf ihrer Seele laste. Sie sah ans einmalin der Sache klar, und fühlte ganz die männliche Zartheit inDnnmoodie's Benehmen. Alles vereinigte sich, ihre Achtung gegenihn zu erhöhen, und an die Stelle der Trauer, welche sic über denVerlust eines Mannes empfand, den sie ihrer Achtung unwürdig