204
II. 3.
alle ihre Ersparnisse zusammen und mit Vorschüssen undCreditgewährung schaffen sie sich ihre Arbeitsinstrumente an.Dann kommt der Rückschlag: die meisten Stühle sind nochnicht abgezahlt, die beträchtlichen Capitalanlagen und dietüchtigen Arbeitskräfte liegen brach. Wer wollte aber ausdieser Art des Sparens dem einzelnen Meister einen Vorwurfmachen? Und doch liegt der für die Industrie verwendbareTheil des Nationalcapitals bei den Kleinmeistern nicht in denrichtigen Händen. Vielleicht wäre es für sie wie für die In-dustrie vortheilhafter gewesen, wenn sie ihre Stühle nicht ver-mehrt und dadurch die Fabrikanten gezwungen hätten, denmechanischen Betrieb auszudehnen. Da dieser doch siegenwird, würde der Uebergang sich schmerzloser gestalten, als esjetzt bei den grossen Capitalverlusten der Meister ohne Ersatzgeschehen wird.
Am besten steht sich der Einzelmeister mit nur einemStuhl, dem Weib und Kind beim Spulen und den anderenHeben arbeiten zur Hand gehen. Auch der Meister mit zweiStühlen hat sein Auskommen, wenn sein Sohn oder ein Gesellemitarbeiten, dann muss aber der Meister sehr aufpassen unddie Frau das Liefern und das Kind das Spulen besorgen. Beidrei Stühlen ist der Meister schon durch das Vorrichten derStühle, die Beaufsichtigung der Arbeiter und den Verkehr mitdem Kaufmann stark in Anspruch genommen, seine Arbeitskraftzersplittert. Die Gesellen stehen sich materiell vielfach besser,sie haben keine Verluste an Capitalanlagen und suchen beimStillstand der Bandstühle sich anderweit Arbei£. Diese Unzu-verlässigkeit der Bandindustrie entzieht namentlich tüchtigeGesellen immer mehr dieser Branche. Bevor der Meistereinen Auftrag annimmt, fragt er den Gesellen, ob er sie aus-führen will, und dieser lehnt manchmal ab. Er erhält vonjedem Thaler 40 %, ferner 10 % Spullohn und 10 % für Aus-lagen an Karten, Vorrichten, Kämmen, Riethen u. s. w., sodass dem Meister 40 % vom Wirklohn übrig bleiben. WennBestellungen vorhanden sind, finden sich selten Klagen überdie Löhne; bei neu aufgegriffenen Artikeln erreichen sie sogareine ausserordentliche Höhe; Lohntaxen sind hier unmöglichund Strikes haben nicht stattgefunden. Aber dann tretenZeiten, lange Zeiten von Arbeitslosigkeit ein, oft von vier,fünf bis sechs Jahren. Wovon sollen die Meister dann leben?Hätten sie ihre Ersparnisse statt in Productions- lieber inGenussmitteln, wie Kleider und Wäsche, angelegt oder in dieSparkasse gebracht, so würden sie jetzt weniger darben. Indem Glauben, dass es immer so bleiben würde, haben sie ihreErsparnisse zu sehr in der eignen Production festgelegt.
Die periodische, anhaltende Arbeitslosigkeit und die damitverbundenen Capitalverluste haben bei den geistig und tech-nisch so hoch stehenden Bandwirkermeistern eine grosse social-