Druckschrift 
2 (1879) Die Industrie des bergischen Landes : (Solingen, Remscheid und Eöberfeld-Barmen)
Entstehung
Seite
115
Einzelbild herunterladen
 

II. 3.

115

Remscheider Schleifer den Trägern die Ballen abnehmen. Unter-stützt von den Remscheider Kaufleuten und Schmieden erhöhennun die Solinger Schleifer die Klage auf Raub, da die Waarenin ihrem Besitz gestanden hätten, auch völlig verschieden vonden Sensen- und Stabwaaren wären und daher nicht demPrivilegium unterlägen. Aber auch diesmal siegten die Rem-scheider Schleifer durch Erkenntniss vom 22. April 1779 undbehaupteten durch das ganze XVIII. Jahrhundert mit ihremMonopol auch die hohen Löhne.

Je weiter die Industrie sich ausdehnte, desto weniger ge-nügte die einheimische Schleiferei den gesteigerten Anfor-derungen. Zwar waren die Kotten vergrössert worden, undwo früher ein Arbeiter beschäftigt gewesen war, stand jetztein Meister mit vier bis fünf Gehülfen; allein das reichte nochimmer nicht hin. Bei starken Bestellungen vermochten dieSchleifer nicht alle Arbeit zu verrichten, eine Erweiterung derIndustrie war erschwert, auf zwanzig Fabrikanten kam kaumein Schleifer. Dazu gesellte sich noch der Neid der Rem-scheider Kleinschmiede gegen die meist bei Kronenberg wohn-haften Schleifer. In verstärktem Masse wirkten diese Ursachen,als im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts der Krieg'gegen England entbrannte, der englische Handel gesperrt wurde jund Remscheid in Spanien und Holland Ersatz suchen musste.

Diese Situation änderte sich völlig dadurch, dass Rem-scheid seinen Hauptmarkt, Frankreich, verlor, indem durch ,{. ?C.~ :Erhebung von Eingangszöllen von 10% auf grobe Stahlwaaren, r ' /von 20% auf Sensen, Sägen u. s. w., von SV 1 /^ °/ 0 auf feinere ^Stahl- und Messingwaaren der eigne Betrieb solcher Industrieensehr lohnend wurde. Bei Zabern im Eisass, bei Toulouse, in 1Nordfrankreich entstanden Anlagen; die Fabrikanten kauftensogar den Stahl aus Siegen, Nassau und Sayn-Altenkirchenauf und bildeten ihren Arbeiterstamm aus belgischen Schmieden.

Grosse Versprechungen wurden denselben gemacht. So erliessvon Lothringen aus der Kaufmann Brinck einen Aufruf, inwelchem er freie Wohnung, 5000 Pfd. Steinkohlen jährlich frei,

20 % Lohnerhöhung gegen Remscheid und volle Beschäftigungversprach. Bis zum Jahre 1797 waren aus Kronenberg 127,aus Remscheid etwa 200 Personen ausgewandert; das wurdenoch befördert durch die grosse Theuerung der Jahre 179496,wo 12 Pfd. Brot einen Thaler kosteten. Die Kaufleute ihrer-seits kauften die fertige Waare dort ein, wo sie sie am billigstenfanden, z. B. in der Mark. Daher gingen in Remscheid vieleArbeiter müssig, der Absatz fiel auf die Hälfte, die Einwohner-zahl der Gemeinde sank in den Jahren 1792 bis 1807 von6653 auf 5509.

Die Sensen- und Kleinschmiede fühlten, dass wenn das soweiter ginge, sie einfach ausser Arbeit bleiben würden; allewaren sie überzeugt, dass durch das Monopol der Schleifer die

8 *