Druckschrift 
2 (1879) Die Industrie des bergischen Landes : (Solingen, Remscheid und Eöberfeld-Barmen)
Entstehung
Seite
75
Einzelbild herunterladen
 

75

II. 3.

Durfte man da über Kleider- und Cigarrenluxus klagen?Hatte doch das Trucksystem nicht nur eine Verminderung derEinnahmen, sondern auch eine durch und durch ungesundeRichtung der Ausgaben zur Folge. War es nicht ein offenerHohn, noch das Sparen zu empfehlen! Mit welchem Rechteforderte man anhaltenden Fleiss vom Arbeiter, wenn man ihnsystematisch Tage lang in der Schenke auf Arbeit warten liess ?Durfte man die Kinder hart bestrafen, wenn sie, die Schuleversäumend, ihre Väter vor unwirthschaftlichem und unsitt-lichem Zeitverluste bewahrten? Der Werth des Arbeiters ge-langte selten zur vollen Geltung. Auf Zuspruch im Ladenwurde mehr Gewicht gelegt, als auf gute Leistung; die mittel-massige Arbeit wurde vorgezogen, wenn sie billiger war undder Meister mehr kaufte. Schlechte Arbeitei - , junge Leute,entliefen der Lehre und heiratheten, ohne ihr Handwerk zuverstehen; sie wurden selbständig ohne andere Mittel, ihrschlechtes Machwerk an den Mann zu bringen, als sich Waaren-zahlern in die Arme zu werfen. Das Viel-Kaufen war derSchlüssel zur Gunst dieser Fabrikanten, welche an den Zahlungs-terminen die schlechtere Arbeit des Nutzens wegen übersahen.Dies dauerte einige Jahre und endete damit, dass den gutenArbeitern die Preise verdorben, die Fabrikate verschlechtertund die Vermögensverhältnisse der guten wie der schlechtenArbeiter untergraben waren. Selbst die tüchtigsten Meistersahen bei allem Fleisse ihre Armuth nur zunehmen. Aberauch die Kaufleute gelangten zu keinem rechten Wohlstände;der eine folgte dem andern auf der Bahn des Wuchers undliess ihn nicht viel profitiren. Grosse, ehrenwerthere Fabrik-herren versanken in Armuth; unwissender, schamloser Wucherkam empor. So gewaltig ist der nivellirende Zug der allge-meinen (Korruption!

Wen kann es Wunder nehmen, dass bei dem raschenSchwinden des alten Rufes der Solinger Fabrik und demschnellen Sinken des Wohlstandes der rechtschaffenen Kauf-herren und braven Arbeitei - ebenso rasch die grössten Steuer-rückstände überall eintraten, welche die Leute trotz aller Exe-cutionen nicht zahlen konnten, dass die Ausgaben der Armen-verwaltung anschwollen und die Väter der Stadt, die Waaren-zahler, keinen andern Rath dagegen wussten, als Stadt- undGemeindeschulden zu erhöhen und damit die Communalsteuernnoch mehr emporzutreiben. Nur hüteten sie sich wohl, sichselbst mit den Abgaben zu hart zu belasten und holten dasWenige rasch durch verstärktes Lohndrücken und Waarenzahlenwieder ein.

Aehnlich wie in Solingen herrschte das Waarenzahlen aufdem gesammten Gebiete der Stahl- und Eisenwaarenindustrie.In Kronenberg waren von 40 Fabrikanten 25 notorische Waaren-zahler, in Velbert herrschte der gleiche Missbrauch. Schreck-