Achthundert und stebenundsiebenzigste Nacht. HZA
ganz hereingebrochen war, kam ein ausgezeichnet schöner Mann auf sie zu und grüßtesie. Sie erwiderte seinen Gruß mit einer kläglichen Stimme. ,Warum, verehrte
Dame/ fragte sie der Fremde, ,verweilet Ihr zu dieser Stunde an diesem Schreckens-orte?' — -Ach, wisset Ihr denn nicht, welchen schrecklichen Verlust ich heute erlitten?Ich hatte einen angebeteten Gatten, dem ich ewige Treue geschworen. Dieser Gattehat anfgebört zu leben, und die Erde, auf welcher ich stehe, bedeckt seine Hülle. Ichwollte mit ihm in's Grab steigen, aber meine grausamen Verwandten haben michzurückgehalten; nie aber soll es ihnen gelingen, mich von dieser Stelle wegzubringen/ —,War denn dieser angebetete Gatte der einzige Mann, der Eure Liebe verdiente? Gibtes denn auf der ganzen Welt nicht andere Männer, so schön, so gut und so reich alscr?^ — -Es wäre möglich; aber ich kenne keinen/ — ,Wollt Ihr mich hcirathen?''Die Wittwe hob ihre Augen zu ihm auf und fand ihn schöner als den dahingeschiedenenGatten; doch hielt sie ihr Schamgefühl zurück, ihm zu antworten. ,Wollt Ihr michheirathen?^ fragte abermals der Fremde. Die Wittwe sah ihn mit zärtlichen Blickenan; doch hatte sie noch nicht Kraft und Muth genug, ihrem Gefühle Worte zu leihen.,Wollt Ihr mich heirathcn?^ fragte der Fremde zum dritten Male, mit einer süßklingenden Stimme, welche in's Innerste der Wittwe drang. -Ich kann Euch nichtwiderstehen/ versetzte die Wittwe. -So laß uns zur Stadt zurückkehren/ — -Undwarum? Laß uns lieber hier die Nacht zubringen/ — -Ich kann nicht die ganze Nachthier bleiben, denn ich muß einen Dieb bewachen, der an dem Thore auf einem Galgenhängt. Wenn ich nicht auf meinem Posten bin, so werden die Verwandten des Gehängtenihn stehlen, und morgen würde man mich dann an dessen Stelle hängen/ — -Wenndich sonst nichts in die Stadt ruft, so kannst du schon hier bleiben; wenn der Gehängtevom Galgen genommen wird, so nehmen wir vor Tagesanbruch die eben beerdigteLeiche aus dem Grabe, und du hängst sie an des Diebes Stelle/ — -Das geht nicht,denn der Dieb hatte eine abgehauene Hand und war einäugig; man würde den Betrugmerken/ — -Aber du weißt dir gar nicht zu rathen; wir schneiden dem Verstorbeneneine Hand ab und reißen ihm ein Auge aus, so wird ihn Niemand mehr erkennen/ —Hältst du so den Eid, den du deinem Gatten geschworen?^ schrie der Fremde sie anmit einer so donnernden Stimme, daß die Tobten sich in ihren Gräbern herumwälztenund glaubten, die Trompete des Herrn am Gerichtstage zu vernehmen. -Wisse, Treulose,ich bin der heilige Eid, den du so sündhaft gebrochen; aber meine Rache ist nahe/Bei diesen Worten zog er einen großen Jatakan aus seinem Gürtel und schlachtete dietreulose Frau auf dem Grabe ihres Gatten."