164 Fünfunddreißigstr Nacht.
bis er den Becher leerte, dann füllte er ihn wieder und reichte ihn dem Mädchen mitfolgender Anrede: „Sieh, ich überreiche dir, was deinen Wangen an Annehmlichkeitgleicht, beide verbreiten einen lichten Glanz wie Feuerbrand." Sie nahm den Becherlachend und sagte: „Wie willst du mir meine eignen Wangen reichen?" —„Trinke nur,"erwiderte er, „die Farbe des Weins gleicht meinen blutigen Thränen und seine Klarheitmeinem Herzen." Nun versezte das Mädchen: „Wenn du aus Liebe zu mir blutigeThränen weinst, so gib mir den Becher." So blieben sie lange fröhlich beisammen, aßen,tranken, sangen, kosten und umarmten sich, und alle drei Mädchen waren nur mit demTräger beschäftigt; die Eine steckte ihm einen süßen Bissen in den Mund, die Andere warfihn mit Blumen, die Dritte streichelte ihm die Wangen, bis sie alle so berauscht waren,daß sie jede Grenze des Anstands und der Sittlichkeit überschritten. Nachdem der Weinihnen ihre Besinnung geraubt hatte, entkleidete sich die Pförtnerin, um in dem hinterihrem Hause vorbeifließenden Strom ein Bad zu nehmen; sie blieb lange im Wasser,um alle Theile ihres Körpers rein zu waschen, kam dann leicht geschürzt wieder zu ihrenSchwestern herauf, sezte sich zu dem Träger und ward ganz ausgelassen; doch so oft derTräger sich eines unanständigen Ausdrucks bediente, schlugen alle drei Schwestern nachihm. Nach einer Weile entkleideten sich auch die beiden andern Schwestern, nahmenebenfalls ein Bad, und fielen dann mit dem größten Muthwillcn über den Trägerher. Er durfte alles thun, was er wollte, nur in seinen Worten mußte er bescheidenseyn. Nun entkleidete sich auch der Träger, um ebenfalls ein Bad zu nehmen. Nach-dem auch dieser sich ganz rein gewaschen, kam er schnell wieder zu den drei Schwesternzurück, sezte sich auf der Einen Schooß, umarmte die Andere, umschlang die Dritte undscherzte mit ihnen auf alle mögliche Weise, bis es anfing dunkel zu werden. Da sagtendie Mädchen zum Träger: „Jczt ist es Zeit, daß du dich wieder ankleidest und uns ver-täflest." Der arme Träger erwiderte ganz verzweifelnd: „Lieber will ich sterben, alseuch verlassen; übrigens ist es schon so spät, daß ich gar nicht wüßte, wohin ich gehensollte; laßt mich diese Nacht noch bei euch bleiben, morgen früh will ich dann meinesWeges ziehen." Wie früher, bat die Wirthschaftcrin wieder die Uebrigen, ihn doch dieseNacht bei ihnen zu lassen. „Gott weiß," sagte sie, „wann wir wieder so angenehmeGesellschaft finden, er ist ja so unterhaltend und witzig, daß wir uns gewiß noch längermit ihm vertragen werden." — „Wir willigen unter der Bedingung ein," sagten dieSchwestern zu dem Träger, „daß du dich um nichts bekümmerst, was sich auch vor dirbegeben mag; magst du doch hören und sehen, was du willst, so darfst du, wenn cs dir auchnoch so auffallend scheint, nicht nach der Ursache fragen." — „Ich werde seyn," erwiderte