72 Vierzehnte Na cht.
Einige Zeit darauf war der Sultan mit seinem Vesir auf der Jagd. „Khas-Ayas," sprach er zu chm, „sage mir, hast du schon etwas von dem Derwische gelernt;ich wüßte gern, was die beiden Nachtculen dort auf jenen Bäumen einander zu sagenhaben. Höre ihnen zu und erkläre mir den Inhalt ihrer Rede."
Der Vesir nahte sich den Bäumen und that als horche er dem Gespräche der Eulen,dann eilte er wieder zum Sultan und sprach zu ihm: „Herr, ich habe einen Theil ihresGesprächs verstanden; aber vergönne mir, verschweigen zu dürfen, was ich gehört habe."— „Und warum willst du vor mir verschweigen, was du hörtest?" cntgegnete der SultanMahmud. „Herr," erwiderte der Vesir, „weil du, mein Gebieter, Gegenstand ihres Ge-sprächs warst." — „Und was können sie denn von mir geredet haben?" fragte der Sultan;„du sollst mir Wort für Wort sagen, was sie sprachen und nicht das Geringste verschweigen."
„Ich werde dir gehorchen, o Herr," antwortete der Vesir. „Eine der beiden Eulenhat einen Sohn und die andere eine Tochter, die sie mit einander verheirathen wollen.Der Vater des Sohns sprach zum Vater der Tochter: Ich willige in diese Hcirath, meinBruder, doch unter der Bedingung nur, daß du deiner Tochter fünfhundert verwüsteteDörfer mitgibst. — Nicht mehr als das forderst du? antwortete alsbald der Vater derTochter, ich will dir gern tausend statt fünfhundert geben, wenn du es verlangst. Gottschenke dem Sultan Mahmud noch viele glückliche Jahre; so lange er Persien beherrscht,werden uns verwüstete Dörfer nicht fehlen."
Der Sultan verstand wohl die Lehre des Vesirs in dem Gespräche der Eulen underwog sie reiflich. Er ließ die Städte und Dörfer, welche in Trümmern lagen, wiederaufbauen, und fortan war nur sein Denken auf das Glück und die Wohlfahrt seinesVolkes gerichtet und seit der Zeit pries das Volk seinen Namen und noch heute segnetes das Andenken des Sultans Mahmud.
Als die Sultanin Chansade dieses Gleichniß erzählt hatte, bestürmte sie wiederumihren Gcmäl mit Bitten, seinen Sohn Nourg^ehan hinrichtcn zu lassen. Er versprachihr, daß am nächsten Morgen ihre Rache befriedigt werden solle.
Am folgenden Tage trat Sindbad voll Zorn in das Gemach, wo alle seine Dienerund Beamten versammelt waren und sprach zu dem Nachrichter: „Lasse meinen Sohn! Nourgehan hierher führen und tödte ihn alsogleich."
j „O mächtigster unter allen Herrschern der Welt," rief da der dritte Vesir, indem' er sich zu den Füßen des Kaisers hinwarf, „alle deine Vesire, deine getreuen Sklaven