Eingang. 7
Jene hatte viele Bücher gelesen, unter andern auch philosophische und medizinische Werke;sie hatte Gedichte auswendig gelernt und kannte Geschichten, Volkstraditioncn und Redender Weisen und der Könige; sie war gelehrt und gebildet. Einst sprach nun Schchersadzu ihrem Vater: „Mein Vater! ich will dir mein Gcheimniß anvcrtraucn; ich wünschte,daß du mich mit dem Sultan Sch eh erb an vcrhcirathcst; denn ich will entweder dieWelt von diesen Mordthaten befreien oder selbst sterben wie die Andern." Als ihr Vater,der Vesir, dies hörte, sagte er: „Dn Thörin, weißt du nicht, daß der König geschworenhat, jeden Morgen sein Mädchen tödten zu lassen? Wenn ich dich also zu ihm führe,so wird er mit dir dasselbe thun." Sic antwortete: „Ich will zu ihm geführt werden,mag er mich auch umbringcn!" Da erwiderte der Vater: „Was fällt dir ein, daß du dichselbst so in Gefahr begeben willst?" Sie antwortete: „Gleichviel, aber führe mich nurzu ihm!" Der Vesir sagte hierauf zornig: „Wer nicht mit Klugheit zu Werke geht,stürzt sich in's Verderben, und wer nicht die Folgen einer Sache berechnet, hat keinenFreund in der Welt; wie man sprichwörtlich sagt: ich saß in Wohlbehagen, da ließ mirmein Ncbermuth keine Ruhe! ich fürchte sehr, es möchte dir gehen, wie dem Ochsenund dem Esel mit dem Bauer." Da fragte sic: „Was ist das für eine Geschichte?"Und der Vesir erzählte:
„Wisse! es war einmal ein reicher Kaufmann, der viele Güter und Diener undVieh und Kamcele besaß; er hatte Frau und Kinder, wohnte auf dem Lande und be-schäftigte sich mit Ackerbau; er kannte die Sprache aller Thiere, und cs war über ihnverhängt, daß sobald er dies Gcheimniß Einem mitthcilcn würde, er sogleich sterbenmüsse. Obschon er nun die Sprachen der Thiere und Vögel verstand, so durfte er dochNiemanden etwas davon erzählen, aus Furcht vor dem Tode. Er hatte in seinemHause einen Ochsen und einen Esel an einer Krippe nahe an einander fcstgebunden.Eines Tages sczte sich der Kaufmann in ihre Nähe mit seiner Frau und seinen Kindern,die vor ihm spielten. Da hörte er, wie der Stier dem Esel sagte: „Ich wünsche dirGlück zu deiner Ruhe, zu der Bedienung, die du hast, indem man unter dir kehrt undsprizt, und dir gesiebte Gerste und klares Wasser bringt, während man mich Armen vonMitternacht an fortführt und mich ackern läßt; man legt auf meinen Hals etwas, das manJoch und Pflug nennt, und so arbeite ich den ganzen Tag, durchfurche die Erde, werdeunausstehlich müde, werde noch von den Dauern geschlagen, meine Seiten werdenzcrschunden, an meinem Halse wird die Haut abgcricbcn, man läßt mich von einerNacht zur andern arbeiten, dann bringt man mich in den Nindsstall, wirft mir Bohnen mitUnrath vermischt und Spreu vor; ich liege im Koth, wie in einer Pfütze die ganze Nacht,