Druckschrift 
9 (1824)
Entstehung
Seite
143
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wisse, was er bedürfe. Er las jedes Buch und es fehlten ihmnur noch die Regeln — aber war denn überhaupt Regel und Com-paß für ihn in der Welt?

Nach einer Menge anderer Gespräche, verweilte der Kaiserbei dem Wundarzte, Baron Larrey, dem er das größte Lob ertheilte.Dieser habe, sagte er, in seiner Seele das Bild eines wahrhaftrechtschaffnen Mannes zurückgelassen, der mit der Mffeuschasftdie Tugend achter Menschenliebe verbinde. Alle Verwundete warenseine Kinder, er dachte weder an sich, noch an sonst etwas, sobaldvon seinen Hospitälern Rede war. „2» unfern ersten, so sehrverrufnen, republikanischen Feldzügen, sagte der Kaiser, erfuhr diechirurgische Brauche eine sehr glückliche Reform, die sich nachherdurch alle europäische Heere verbreitete. Die Menschheit ist Larreyzum großen Thcile den Dank für diese Wohlthat schuldig. Inunfern Tagen tbeilcn die Wundärzte alle Gefahren der Soldatenund üben mitten im Feuer ihre Kunst aus. Larrey besitzt meineganze Achtung und Erkenntlichkeit u. s. w."

Anmerk. Es scheint, daß dieser günstige Eindruck auf Na-poleon sich ganz besonders noch in seinen letzten Augenblicken kundgerhan habe — indem er Larrey noch ein eigenhändiges Anden-denkeu mit dem Zusätze widmete: Der tugendhafteste Menschdermirje vo rgekvmmen ist. Bei dem Lesen dieser Wortedachte ich sogleich, daß irgend ein besonderer Umstand ihn zu ei-nem so kostbaren Zeugnisse bewogen haben muffe und ich habe seit-dem folgendes in Erfahrung gebracht.

Nach den Schlachten bei Lutzen, Wurschen und Bautzen ließder Sieger, Napoleon, den Wundarzt Larrey zu sich rufen, um,wie gewöhnlich, von ihm den Zustand und die Anzahl der Ver-wundeten zu erfahren. Sie war verhaltnißmäßig ungleich größer,als nach andern Gefechten. Der Kaiser erstaunte und forschte nachder Ursache. Larrey fand sie, außer den Localverhaltniffen, in dergroßen Masse von Soldaten, die zum erstenmale im Feuer unddaher in ihren Bewegungen noch ungeschickt und zu Vermeidungder Gefahr nicht gewandt genug gewesen waren. Dem Kaiser ge-nügte diese Antwort keineswegeS; er fragte weiter und da in die-sem Augenblicke viele Personen des Krieges müde waren, denFrieden um jeden Preiß herbciwünschten und gar nicht böse gewe-sen wären, wenn sich der Kaiser dazu gcnöthigt gesehen hätte, sawurde ihm — vielleicht mit kluger Berechnung, vielleicht aber auchaus Uibcrzeugnng — geantwortet: Die ungeheure Zahl der Ver-wundeten müsse niemand befremden. Die mehresten Wunden wä-ren an der Hand — und dte Blessirten hätten sie sich selbst bep