Dreihundert und vicrundfünszigste Nacht.
der Liebenden unter den Vögeln; als sie den Prinzen sah, stieg sie nieder auf denBoden und seufzte, der Prinz aber recitirte folgende Verse:
,,Scp gegrüßt, Ringeltaube! Freundin unglücklicher Liebenden! Ich liebeeine schmächtige Gazelle, deren Blicke schärfer als Pfeile stechen. Ihre Trennunghat mein Herz verzehrt und allerlei Uebel über meinen Körper gebracht. Ichhabe mir alle Süßigkeit des Lebens versagt, so wie mir der Schlummer geraubtwurde. Trost und Geduld sind verschwunden, Liebe und Schmerzen aber sindgeblieben; wie kann mir das Leben noch schmecken, nachdem die edelsten Freundevon mir geschieden?"
Als er diese Verse vollendet hatte, seufzte und zwitscherte die Taube; ihre Seufzerschienen zu sagen:
„O Liebender! Du erinnerst mich an eine Zeit, in der ich mein Herz verlorenhabe an meinen holden Geliebten, der mich verließ, dessen Stimme, wenn er aufden Bäumen sang, einer Laute glich. Gin Jäger stellte mir ein Netz und fingmich; ich aber sagte ihm: Fange mich nur, du wirst mich wieder frei lassen.
Ich glaubte, er werde Mitleid mit mir haben, sobald er sehe, daß ich liebe.
Gott möge ihm zeigen, daß er mich hartherzig von meinem Geliebten getrennt,und dadurch mein Herz verbrannt hat. Gott belohne Denjenigen, der Anthcilnimmt an meiner Liebe und sich meiner erbarmt, wen» er mich so in meinemKäfig nach meinem . Geliebten schmachten sieht!"
Er^vandte sich hierauf zu seinem Freunde aus Jspahan und fragte ihn, wemdieses Schloß gehöre, wer es gebaut und wer es bewohne? Er antwortete: „Der
Vezier des Königs Schamech hat es für seine Tochter gebaut, aus Furcht vor denUnfällen des Schicksals, und hat seinen Dienern befohlen, Pas Thor nur einmal imJahre zu öffnen, wenn Lebensmittel gebracht werden." Der Prinz dachte: Nun ist derZweck erreicht, wenn auch nach vielen Qualen. Soviel, was den Prinzen angeht.
Ward aber, der das Leben gar zu bitter geworden war, konnte nicht liegen nochruhen; ihre Leiden nahmen immer zu, sie ging an den Säulen des Schlosses umherund konnte keinen Ausweg finden; in ihrem Kummer sprach sie folgende Verse:
»Man hat mich grausam weit von mcincm Geliebten cingckcrkcrt und michmit einem heißen Brande im Kerker heimgesucht. Ich bin in ein neues Schloßeingcsperrt, das auf einem hohen Berge liegt, an dessen Fuß sich die Mecrcswogenbrechen, so daß kein Blick meines Geliebten zu mir reichen kann. Sie glauben.