Dreihundert und fünfzehnte Rncht.
O Dawlet Chatun, fürchte nichts! Beruhige dein Herz! Es flog dann eineWeile mit mir und ich wußte nichts mehr von mir selbst, bis es mich in diesem Schlosse! niedersctzte und sich in einen schönen Jüngling verwandelte, jung und schlank, recht^ niedlich gekleidet. Der fragte mich: Kennst du mich? Ich antwortete: Herr, ichkenne dich nicht! Hierauf sagte er: Ich bin der Sohn des blauen Königs derGeister; mein Vater wohnt an den Ufern des rothen Meeres und herrscht übersechsmalhundertausend fliegende und untertauchende Geister; ich flog aus meinem Wege
an dem Orte vorbei, wo du dich badetest, verliebte mich in dich und deine Gestalt,
darum ließ ich mich zu dir herunter und entführte dich aus der Mitte deiner Sklavinnenund brachte dich in dieses feste Schloß hierher, welches ich bewohne. In dieses Schloßkommt nie Jemand, weder ein Mensch noch ein Geist, und von hier bis Indien hatman hundert und zwanzig Jahre zu reisen; du kannst in deinem Leben das Land deinesVaters und deiner Mutter nicht wieder sehen; bleibe also hier bei mir und sey guten
Muthes; ich erscheine dir, so oft du es wünschest. Dann umarmte und küßte er mich,
und sagte zu mir: Setze dich und fürchte nichts! Er ließ mich nun eine Weile allein,kam dann wieder mit diesem Tische und Teppiche, die du hier siehst. Jedesmal amDienstag kommt er wieder und bleibt bis Freitag Nachmittag bei mir, und hält sichdann wieder bis Dienstag entfernt; wir essen und trinken mit einander, er küßt undumarmt mich; doch bin ich noch so jungfräulich, wie mich Gott geschaffen, der Geist hatmir noch gar nichts Böses gethan. Mein Vater ist König und heißt Tadj Almuluk(Krone der Könige), er weiß nichts von meinem Schicksal und hat noch keine Spurvon mir entdeckt; dies ist meine Geschichte, erzähle du mir nun die deinige!" SeifAlmuluk sagte: „Meine Geschichte ist lang, ich fürchte, der Geist möge, ehe ichsie dir ganz erzähle, wiederkehren." Die Prinzessin sagte: „Heute ist Freitag, erhat mich so eben verlassen und wird vor Dienstag nicht wiederkehren; setze dich also, seyganz ruhig, und erzähle mir vom Anfang bis zu Ende, wie du hierher gekommen."Seif Almuluk erzählte ihr, bis er den Namen Badiald Jamal nannte, daschwammen ihre Augen in Thränen, und sie sagte: „So heißt meine Schwester! Omeine Schwester Badiald Jamal! weh' über jene Zeit! Gedenkst du denn meiner nichtmcbr? fragst du nicht mehr: wo ist meine Schwester Dawlet Chatun?" Sie weinte soeine Weile und grämte sich darüber, daß Badiald Jamal ihrer nicht gedachte. Dasprach Seif Almuluk: „O Dawlet Chatun! Badiald Jamal ist eine Genie und dubist ein menschliches Wesen, wie kannst du ihre Schwester seyn?" Sie aber antwortete:„Sie ist meine Milchschwester! An dem Tage, wo meine Mutter mich im Garten