10 Zweihundert und einundsüilfzigfte Nacht.
mehr für mich sorgen, so gibt es für mich ja einen Gott, der mich führen und nichtverlassen wird." Ihr Bruder, der den Sinn dieser leidenschaftlichen Reden nicht rechtbegreifen konnte, suchte sie zu beruhigen und bat sie dann, ihm das Alles deutlicher zusagen, denn noch wisse er den Grund nicht, warum sie so bewegt und betrübt sey. Sieantwortete: „Wisse, theurer Bruder! mein Vater hat mich mit einem Zauberer, einemwahren Teufel, verlobt, der ihm ei» schwarzes hölzernes Pferd geschenkt und ihnmit seiner Zauberkunst überlistet hat. Ich aber mag diesen hundertjährigen Altenmit garstigem Gesichte und verkrüppeltem Körper nicht; ich will nicht seinetwillen aufdie Welt gekommen seyn." Und mit diesen Worten brach die unglückliche Prinzessinwieder in lautes Weinen aus und rang verzweiflungsvoll ihre schönen Hände. IhrBruder nahm sie in die Arme und sprach ihr mit liebreichen Worten Trost und Muthein, verließ sie dann und eilte zu seinem Vater, den er fragte: „Wer ist der
Zauberer, mit welchem du meine jüngste Schwester verlobt hast, und was hat er dir fürein Geschenk gebracht, daß du seinetwillen deine Tochter vor Gram sterben lassen willst?Das soll bei Gott nicht seyn; sie, die würdig ist, einen Engel des Himmels zu heirathen,soll nicht die Gattin eines abscheulichen Zauberers werden!" Der Weise, der diese Redemit anhörte, ergrimmte in seinem Herzen über den Prinzen und dachte auf Mittel, sichzu rächen und ihn zu verderben. Der König aber sprach zu seinem Sohne: „Wenn du dasPferd und seine Kunst gesehen haben wirst, so wirst du vor Erstaunen fast de» Verstandverlieren und dich über meine Handlungsweise nicht mehr verwundern. Er befahl danneinem Diener, es herbeizuführen, und als der Prinz es sah, war er in der Thatvon der außerordentlichen Schönheit desselben überrascht." Als ihm sein Vatersagte, daß es schneller sey, als ein natürliches, schwang er sich sogleich in denSattel und stieß ihm die Steigbügel in den Leib. * Als sich aber das Pferd nicht vonder Stelle bewegte, sprach der König zu dem Weisen: „Geh und zeige ihm, wie manes in Bewegung setzt, dann wird er sich wohl meinem Willen und deinem Wunsche nichtmehr widersetzcn." Der Weise, der schon einen tödtlichcn Haß auf den Prinzengeworfen hatte, ging mit einem Blicke voll Bosheit und Schadenfreude zu ihm hin,beugte sich zur Erde und sagte: „Gebe sich der edle Prinz, der mir seine Schwester nichtzur Frau geben will, nur die kleine Mühe, diesen Wirbel am Nacken des Pferdesumzudrehen, so wird das Pferd alle seine Wünsche befriedigen." Der Prinz, ungestümwie er war, drehte den Wirbel um, ohne den Alten zu betrachten oder sonst noch etwas
' Bekanntlich dienen im Orient die spitzigen Steigbügel auch als Sporen.