856 Zweihundert und sechsunddreihigste Tlacht.
Nach einer Reise von mehreren Monaten zu Land und zur See gelangte die
Prinzessin Bedur an eine Stadt am Ufer des Meeres. Sie stieg vor den Thoren ab,
ließ ihr Lager aufschlagen, erkundigte sich nach dem Namen der Stadt und ihresBeherrschers, und erfuhr, daß sie vor der Hauptstadt des Reichs der Ebenholzinselnangekommen ftp, deren König Armanus heiße.
Bald verbreitete sich das Gerücht von der Ankunft der Fremden in der Stadt.Als der König Armanus davon hörte, schickte er einen Boten, um zu hören, wer dieAnkömmlinge seyen, und was sie hieher geführt habe. Der Bote brachte die Nachricht,es sey der Sohn des Königs Schah Sem an, welcher auf der Rückkehr in seineHeimath hier angelandet habe, um nach einem kurzen Aufenthalte seinen Weg nach denCanarieninseln fortzusetzen.
Der König Armanus ging sogleich, von seinen Großen umgeben, Bedurentgegen, führte sie in die Stadt und bot ihr seinen Palast zur Wohnung an. Er ließ
ihr Lager abbrechen und ihre Dienerschaft nebst Allem, was sie mit sich führte, in den
Nebeiigcbäudcu des Palastes unterbringen. Er erzeigte ihr alle erdenkliche Ehre undbewirthcte sie drei Tage hindurch mit außerordentlicher Pracht.
Als die drei Tage verflossen waren und Bedur ihre Reise fortsetzen wollte, kamder König Armanus zu ihr und bat sie um eine geheime Unterredung. Sie war ebenaus dem Bade gestiegen, hatte ihr Gesicht unverhüllt und trug einen Kaftan, der mitGold durchwirkt und mit kostbarem Pelzwerk verbrämt war. Der König, welcher sichim Stillen längst Glück gewünscht hatte, einen so wohlgebildcten, anmuthigen undgeistvollen Prinzen bei sich zu sehen, war ganz entzückt, als er Bedur in diesemprachtvollen Anzug, glänzend in Jugend und Schönheit, erblickte. Ohne einige Ahnungvon ihrem wahren Geschlecht, und in der Ueberzeugung, den Sohn eines ihmwohlbekannten und befreundeten Königs vor sich zu sehen, sprach er zu ihr: „Prinz,
bei dem hohen Alter, worin du mich siehst, und bei der geringen Hoffnung, noch langezu leben, macht es mir Kummer, keinem Sohne mein Reich hinterlassen zu können. DerHimmel hat mir nur eine einzige Tochter beschert, welche dir, gelobt scp Gott! anSchönheit und Anmuth nahe kommt. Statt also an die Rückkehr in die Heimath zudenken, so nimm sie von meiner Hand als Gemahlin und setze dich auf den Thron,den ich dir sogleich einräumen will. Es ist wohl Zeit, daß ich mich in den Ruhestandbegebe, nachdem ich die Last der Regierung so viele Jahre getragen habe."