Zweihundert und siebenundzwanzitzste Nacht. 797
„Fahre fort, fahre fort, Verruchter!" erwiderte Maimuna, „und fürchtenichts. Meinst du, daß ich so treulos sey, wie du, und den hoben Eid, den ichdir geschworen habe, verletzen könne? Hüte dich nur, mir etwas zu sagen, was nichtwahr ist: sonst reiße ich dir die Federn aus deinen Fckigcln und schinde dir die Hautvom Leibe."
Dahnesch, durch diese Worte Maimuna's wieder ein wenig beruhigt, fuhrfort: „Verehrte Herrin! ich will dir nichts als die lautere Wahrheit sagen: habe nurdie Güte, mich anzuhören. Das Land China, woher ich komme, ist eines der größtemund mächtigsten Königreiche der Erde, zu welchem die äußersten Inseln dieser Halbkugelgehören, von denen ich dir schon gesagt habe. Der jetzige König, der Herr über dasLand, das Meer und die Inseln, nennt sich Ghaiur und hat eine einzige Tochtervon solcher Schönheit, wie man noch keine auf Erden gesehen hat, solange die Weltsteht. Weder du, noch ich, noch alle Geister deiner und meiner Art, noch die Menscheninsgesammt, wir Alle haben keine entsprechende Worte, keine Ausdrücke, welche lebendig ^genug, keine Beredsamkeit, welche reich genug wäre, um auch nur einen Theil ihrerReize zu schildern. Denke dir daher Alles, was ich von ihr sage, in der höchstmöglichen ^Vollkommenheit und glücklichsten Harmonie, und sey versichert, daß das Bild, welchessich dein Geist von ihr entwirft, dessenungeachtet noch weit hinter der Wirklichkeitzurückbleibt. Sie hat braune Haare von solcher Länge, daß sie ihr bis über die Füßehinabrcichen, und in solcher Fülle, daß, wenn sie in Locken um ihren Kopf gelegt sind,sie wohl mit einer jener schönen Trauben verglichen werden kann, deren Beeren vonaußerordentlicher Größe sind. Unter diesen Haaren wölbt sich eine Stirn, glatt wieein hcllgcschlifsener Spiegel und leuchtend wie die Strahlen der Sonne. Augen hatsie wie Narciffcn: das Weiße davon gleicht der Luft in der Morgendämmerung unddas Schwarze der finsteren Nacht; ihr Blick versengt wie der Blitz, der aus derWetterwolke herabzuckt; die Nase, fein und scharf wie. eine geschliffene Schwcrtklinge,ist weder zu lang noch zu kurz. An diese schließen sich zwei Purpurwangen, derenFärbung von der Röthe der Kirsche in die Weiße des Marmors verschwimmt. 2hrMund ist klein und roth wie die aufbrcchende Knospe der Granatblüthe; ihre Zähnegleichen einer Perlenschnur; wenn sie die Zunge zum Sprechen bewegt, so ertönt einesüße und anmuthige Stimme, und was sie sagt, beurkundet die Schärfe ihres Verstandesund die Lebhaftigkeit ihres Geistes. Ihr Kopf wiegt sich frei und leicht auf einemschlanken Halse; der schönste Alabaster ist nicht weißer als ihr Busen, und ihre Brüstegleichen zwei Granatäpfeln, die zum Genüsse reizen. An diese schließen sich ein paar