Zweihundert und dreiundzwunzi gste Nacht. 779
„Bist du nahe oder fern, so schwebt dein Bild vor meiner Seele, und deinAndenken wird nie von meiner Zunge weichen."
Die Sängerin wurde in diesen Worten häufig von Seufzen und Schluchzenunterbrochen und weinte nach Beendigung ihres Gesanges so heftig, daß HarunArraschid sich nicht enthalten konnte, die Thüre zu öffnen und hineinzutretcn. Alsdie Bewohnerin des Zimmers ihn erblickte, warf sie sich vor ihm zur Erde, küßte siedreimal und sprach: „O du, rein Stamm und Geburt, blühender Sprößling des edelstenHauses! verzeihe mir, wenn ich es wage, dich an das huldreiche Versprechen deinesEdelmuths zu erinnern. Ich weiß gewiß, daß es ferne von dir ist, zu vergessen wasdu einmal gesagt hast."
Der Chalif erkannte sie immer noch nicht, trat ein paar Schritte zurück und fragtesie, wer sie sey, und wie sie in das Harem des Chalifen komme. Da hob sie ihrschönes, von Thränen benetztes Antlitz zu ihm auf und sagte: „Wie, Herr! du erinnerstdich der Sklavin nicht mehr, welche dir Nureddin Ali, Badhladdins Sohn,zum Geschenke gemacht hat?" — „Ach, armer Nureddin!" rief sogleich der Chalifaus, indem er sich der Knienden nahte und sie aufstehen hieß; „bei Gott, das ist mirganz aus dem Gedächtniß gekommen." Aber die Sklavin wollte sich nicht erheben, biser ihr die Erfüllung seines Versprechens zugesagt hätte, sie mit den EhrengeschenkenNureddin nachzusenden: denn seit dreißig Tagen warte sie vergeblich darauf, undin dieser ganzen langen Zeit habe der Schlaf ihre Augen geflohen.
Der Chalif hob sie vom Boden auf, betheuerte ihr mit einem Schwur, daß er dasVersäumte sogleich nachholen wolle, und entfernte sich, um unverzüglich seinen Vezierzu sich rufen zu lassen.
Als Djafar kam, sprach der Chalif zu ihm: „Dreißig Tage sind vorüber, seitdemNureddin mit meinem Briefe nach Bassora abgegangen ist. Ich habe vergessen, denFirman hinzusenden, damit er als König anerkannt werde, und du hast mich nichtdaran erinnert. Ich fürchte sehr, er ist als Betrüger hingcrichtet worden; aber, beimeinem Haupte und bei dem Grabe meiner Väter, wenn ihm ein Leid widerfahren, sovernichte ich den Schuldigen, und sollte er mir noch so theuer seyn! Es ist jetzt keineZeit mehr, die Kundmachung ausfcrtigen zu lassen: nimm daher Leute zu Pferde mit dirund eile nach Bassora. Versäume keinen Augenblick: denn, wenn du länger verweilst,als man braucht, um den Weg zu machen, so lass' ich dir den Kopf abschlagen. Duerzählst meinem Vetter, dem König, wie ich mit Nureddins Geschichte bekanntgeworden, und daß ich ihn mit einem Brief an ihn abgesandt habe. Findest du, daß