752 Zweihundert und zwanzigste Nacht.
Der Chalif trat in den Garten und ging auf den Saal zu. Als sie davor standenund eine Weile gehorcht hatten, sagte der Chalif zu dem Vezier: „Djafar, ich höreweder das Geräusch von einer großen Gesellschaft, noch vernehme ich einen Fakir, derGott priese. Ehe ich hinaufgehe, will ich doch zuvor sehen, was sie treiben." Damitblickte er um sich her und gewahrte einen hohen Nußbaum in der Nähe. Nachdem erihn genauer betrachtet hatte, um zu untersuchen, ob er für seinen Zweck geeignet wäre,sprach er zu Djafar: „Ich habe Lust, aus diesen Baum zu steigen, dessen Aeste geradenahe genug bis an die Fenster des Saales reichen, um sehen zu können, was imInnern desselben vorgeht."
Der Vezier suchte zwar den Chalifen von seinem abenteuerlichen Vorsatz abwendigzu machen, indem er ihm die Gefahr vorstellte, der er sein Leben dabei auösetzte; alleinHarun Arraschid bestand darauf und sagte zu Djafar: „Du widersprichst mirheute Alles: wie kommt das? Kennst du mich so wenig, daß du mich durch hohleEinwendungen von einem Entschluß abzubringen meinst, den ich einmal gefaßt habe?Komm' her, hilf mir, daß ich den Baum ersteige!"
Djafar mußte abermals schweigen und gehorchen. Er half dem Chalifen aufden Baum, soweit er mit den Händen reichen konnte; dann kletterte Harun Arraschidweiter und so lange fort, bis er auf einen Ast kam, von welchem aus er in den Saalsehen konnte, ohne von denen, die sich darin befanden, gesehen zu werden. Er setztesich darauf nieder, um seine Betrachtungen mit größerer Bequemlichkeit anstelle» zukönnen. Allein wie groß war seine Ueberraschung, als er nun den Kopf wandte undein Mädchen von unvergleichlicher Schönheit neben einem der wohlgebildetsten jungenMänner und Scheich Ibrahim am Tische sitzen sah!
Scheich Ibrahim hielt eben die Schale in der Hand und sagte zu der schönenPerserin: „Meine schöne Herrin! ein guter Trinker muß niemals trinken, ohne zuvorsein Liedchen zu singen. Ich habe einmal einen Dichter sagen hören:
„Trink" in großen und kleinen Gefäßen Wein, der strahlt wie der leuchtendeMond!
„Doch trinke nicht ohne Gesang: denn auch das Pferd wiehert, wenn es sichmit einem Trunk erquickt.
„Gib mir also die Ehre und höre mir zu: es ist eines der artigsten Lieder."
Scheich Ibrahim sang nun, und der Chalif war darüber um so mehr erstaunt,als es ihm bis jetzt unbekannt gewesen, daß der Alte Wein trinke, und er ihn für einen