Zweihundert und siebenzehnte Uacht. 727
Der Hauptmann der Wache ging auf neue Nachforschungen aus, und der Königentließ den Vezier Muin, nachdem er ihn wiederholt seiner königlichen Gnade versichertund mit einem Ehrenkaftan beschenkt hatte. „Geh'," sagte er zu ihm, „kehre zurück indein Haus und sey unbesorgt wegen Nureddins Bestrafung: was dir widerfahren ist,sehe ich an, als ob es mir geschehen wäre, und ich selber will dich wegen seinerUnverschämtheit rächen."
Dadurch einigermaßen beruhigt, doch nicht ohne große Unzufriedenheit wegenNureddins Entweichung, in dessen Blut er gern seinen Grimm gekühlt hätte, begabsich Muin nach Hause, aber auf Umwegen, um sich nicht dem Gespötte der Leuteauszusctzcn.
Nach Vcrfluß von ein paar Stunden kam der Hauptmann abermals zurück undmeldete dem König: „Herr! es ist Alles vergeblich: die Flüchtlinge sind nirgends zufinden, und ich habe auch keine Spur von der Richtung entdecken können, in der siegeflohen sind. Die Sache ist nicht mit rechten Dingen zugegangen: ich kann mir kaumdenken, daß sie unbemerkt aus der Stadt gekommen seyn sollen; vielmehr vermuthe ich,daß sie noch hier sind und irgendwo versteckt gehalten werden, um sie der Strafe derGerechtigkeit zu entziehen."
Da ließ der König durch die öffentlichen Ausrufer in der ganzen Stadt bekanntmachen: derjenige sollte ein Ehrenkleid und tausend Dinar erhalten, der ihm Nureddinmit seiner Sklavin brächte, derjenige dagegen an Leib, Leben und Vermögen empfindlichbestraft werden, der sie etwa verborgen hielte.
Allein, welche Mühe er sich gab und welche Sorgfalt er auch anwendcu ließ, eswar ihm nicht möglich, irgend eine Kunde von ihnen zu erhalten; und der VezierMuin mußte sich damit begnügen, zu sehen, daß der König sich seiner Sacheangenommen hatte.
Nureddin und die schöne Perserin schifften unterdessen weiterund vollendeten ihreFahrt, ohne allen Aufenthalt oder Unfall, eben so glücklich, als sie begonnen hatte.Sie erreichten endlich Bagdad; und sobald der Schiffshauptmann die Stadt ansichtigwurde, rief er, voll Freude über die glücklich vollbrachte Fahrt, den Reisenden zu:„Kinder, freuet euch: da ist sie, die große und wundervolle Stadt, die Stadt desFriedens und des Ueberflusses! Ihr werdet darin eine zahllose Volksmenge finden undan Gütern und Waaren wornach euer Herz gelüstet. Der Winter mit seiner Kälte! hat ihr den Rücken gewendet, und die Hitze des Sommers wird durch kühlende Lüfte1 gemildert. Hier herrscht ein ewiger Frühling neben beständigem Herbst; auf einem