Zweihundert und vierte Nacht. 655
Ali/ wo Alles in die größte Bestürzung gerietst, als man den Prinzen nicht bei ihmsab. Er ließ sich sogleich bei A li's Mutter melden, und als er die Erlaubnis; erhielt, vorihr zu erscheinen, was nicht lange währte, trat er zu ihr, grüßte sie ehrerbietigst, undnachdem er sich ein wenig gesammelt hatte, sprach er zu ihr mit einer Miene und ineinem Tone, die die Trauerbotschaft im Voraus verkündeten, zu deren Ueberbringcr ihndas Schicksal bestimmt hatte: „Gott erhalte dich gnädig! Der erhabene Gott leitet dieMenschen nach seinem Willen; Niemand kann seinem Urtheil und seiner Bestimmungentgehen...."
Die Mutter, bestürzt über diese Rede, ließ dem Juwelier nicht Zeit, längerfortzufahren, und rief, vom Schmerz überwältigt: „Du verkündest mir den Tod meinesSohnes!" — „Bei Gott, er ist todt!" Sie erhob ein entsetzliches Jammergeschrei, dasihre Frauen vermehrten.
Diese Schmerzesausbrüche eines trostlosen Mutterherzenö erneuerten auch bei demJuwelier die Trauer um den Hingeschiedenen und preßten seinen Augen Thränen aus.Die Mutter war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen, da eilten ihre Frauen herbei, siezu unterstützen. Nachdem sie sich wieder erholt hatte, brach sie auf's Neue in Thränenund laute Klagen aus und jammerte noch lange, che sie im Stande war, sich den Todihres Sohnes mit allen einzelnen Umständen erzählen zu lassen. Endlich gelang es ihr,die Thränen und Klagen zu mäßigen, worauf sie den Juwelier bat, ihr Alles mitzutheilenund auch nicht das Geringste zu verschweigen. Mit von Thränen erstickter Stimmeantwortete der Juwelier: „Die Liebe hat ihn getödtet! Er hauchte sein edles Leben inmeinen Armen — in den Armen seines wärmsten und besten Freundes — aus! Nur Gottkann meinen Schmerz ermessen und vermag ihn zu lindern!" Hierauf erzählte er ihrAlles umständlich, wie es sich zugetragen; wie sie auf ihrer Flucht von Räubern überfallenund ausgeplündert worden und ganz nackt eine Zuflucht in einer Moschee haben suchenmüssen, wo sie endlich ein edelgesinnter Mann entdeckt und sich ihrer angenommen habebis zu Ali's Tode. Die bekümmerte Mutter fragte ihn bierauf: „Da er dir alle seineGeheimnisse anvertraut, so hat er dir wohl vor seinem Tode noch einen Auftrag an michgegeben?" Der Juwelier bejahte dies und machte sie auf's pünktlichste mit Ali's letztemWillen bekannt. Als die Mutter solche Beweise kindlicher Liebe und Verehrung vernahm,wollte ihr schier das Herz brechen, sie brach wieder in lauten Jammer aus, den ihreFrauen noch vermehrten. Sie rief laut aus: „Ja, mein Sohn, dein letzter Wunschsoll mir heiliges Gebot scyn! Gleich morgenden Tags in aller Frühe werde ich michauf den Weg machen, die mir thcuren Ueberreste abzuholen und hieher zu bringen,