638 Hundert und »eunuiidiieunzigste N»cht.
brach in heftiges Weinen aus, verschmähte es, irgend etwas anzunehme», und stöhnteund seufzte so schwer, daß sich die Steine hätten erbarmen mögen. Wen» der Wein,den ich ihr von Zeit zu Zeit eingeflößt, ihr nicht wieder einige Kräfte gegeben hätte, sowäre sie gewiß gestorben. Endlich, als es mir durch inständiges Bitten gelungen war,sie zu vermögen, etwas Speise anzunehmen, kehrte auch ihre Sprache wieder. Dieswar der erfreulichste Beweis ihrer Wiedcrgenesung; ich wusch ihr hierauf Hände undFüße und legte ihr andere Kleider an. Nun bat ich sie, mir doch zu erzählen, welchemGlück wir ihr Entkommen aus den Händen der Räuber zu danken hätten. Diese Bitteschien aber die Erinnerung an das Vergangene nur wieder aufzufrischen. Sie antwortetemit einem tiefgeholten Seufzer: „Warum reißest du durch einen solchen Gegenstand der
Betrübniß die alten Wunden wieder auf? Der Tod von der Hand der Räuber wäremir willkommener gewesen, als das, was mir widerfahren. O Gott, warum hast dumich nicht sterben lassen!"
„Gebieterin," versetzte ich, „du weißt wohl, daß es für Unglückliche eine Erleichterungist, theilnehmenden Herzen ihre Leiden mitzutheilen: überwinde daher deine Hartnäckigkeit,und du wirst bald Linderung deiner Schmerzen empfinden."
„Sie erwiderte hierauf: „Nun, so will ich's versuchen, dir eine Schilderung dertrostlosen Begebenheit zu machen, wie ich's vermag. Als die mit Dolchen und Schwerter»bewaffnete» Räuber in unser Gemach drangen, glaubte ich, unser letzter Augenblick scygekommen, und hatte keinen andern Gedanken mehr, als mit meinem Geliebten zu sterbe».
O der Tod mit ihm wäre süßer gewesen, als das Leben ohne ihn. Aber, anstatt unszu tödten, bewachten sie uns nur, um unsere Flucht zu verhindern, während sie indessenalle Geräthe und reichen Stoffe, die sich in den Zimmern befanden, zusammenpackteuund uns nöthigten, ihnen zu folgen. So verließen sie, beladen mit ihrer Beute und unsin ihrer Mitte, das Haus und führten uns in ihre Wohnung. Als sie mich unterwegsfragten, wer ich sep, gab ich mich für eine Sängerin aus, während Ali auf dieselbeFrage an ihn zur Antwort gab, er sep ein Mann aus dem Volke. In ihrer Wohnungangelangt, ergriff uns neue Angst und Furcht, als die Räuber uns umringten und mitneugierigen Blicken betrachteten. Beim Anblicke meiner Kleider und Kleinodien riefensic: „Du hast uns deinen wahren Stand verheimlicht; eine Sängerin besitzt keine solcheEdelsteine. Bekenne uns die Wahrheit!" Aber ich schwieg.
„Hierauf, als sie sahen, daß ich keine weitere Auskunft gebe, bestürmten sic Alimit denselben Fragen, indem sie ihm sagten: „Wir sehen wohl an deinem Anzuge, daßdu Keiner aus dem gemeinen Volke bist." Aber er wie ich verbargen ihnen standhaft