mehr noch weniger. Kurz, meine Gebieterin! ich blieb einen Monat bei ihnen; siethaten jede Nacht dasselbe, und des Morgens wuschen sie sich wieder. Ich erstaunte stetsvon Neuem, und ward zulezt so mißmuthig und ungeduldig, daß ich nicht mehr essenund trinken mochte. Ich sagte ihnen dann: „O ihr Jünglinge! wollt ihr meinen
Kummer nicht verscheuchen und mir nicht sagen, warum ihr euer Gesicht so beschmiertund dabei sagt: wir waren so glücklich, da ließ uns der Uebcrmuth keine Ruhe! so laßtmich von euch wegziehen und zu meiner Familie zurückkehrcn, damit ich einmal vordiesem so außerordentlichen Anblick Ruhe bekomme; das Sprichwort sagt: was das Augenicht sieht, betrübt das Herz nicht; drum ists besser, ich entferne mich von euch."
Als sie dies hörten, sprachen sie: „O Jüngling! nur aus Mitleid mit dir habenwir dir bisher dies verborgen, denn es möchte dir auch gehen wie uns." Als ich aberdarauf bestand, Alles zu wissen, sagten sie noch einmal: „Folge unserm Rathe, fragenicht mehr nach unserm Zustande, sonst wirst du einäugig werden, wie wir." Da ichaber nicht nachgab, sagten sie: „Wenn es dir so geht, wie wir voraussehen, so werdenwir dich nicht mehr beherbergen, du darfst dann nicht mehr bei uns wohnen." Siegingen hierauf, schlachteten ein Lamm, zogen ihm die Haut ab und sagten mir: „Nimmdieses Messer und lege dich in diese Haut; wir werden dich darein nähen,dann Weggehen und dich liegen lassen. Es wird ein Vogel kommen, der Roch heißt,dich zwischen seine Füße nehmen und mit dir gen Himmel fliegen. Nach einer Weilewirst du fühlen, daß er dich auf einen Berg niederlegt, du schlizest dann die Haut mitdiesem Messer und schlüpfst heraus. Der Vogel wird davon fliegen, sobald er dich sieht.Mache dich dann gleich auf und gehe einen halben Tag lang, bis du ein hohes Schloßfinden wirst, das in der Luft steht, mit rothem Gold beschlagen und mit Smaragd undvielen Edelsteinen verziert ist; es ist von keinem andern Holz als Sandelholz und Aloegebaut. Geh in dies Schloß hinein, und du hast, was du begehrt; denn u«ser Eingangins Schloß ist die Ursache des Beschmierens unsers Angesichts und des Ausstechensunsrer Augen. Wollten wir dir das Nähere erzählen, so würde unsre Geschichte zulange dauern, denn Jedem von uns ist sein Auge auf eine andre Weise ausgestochenworden.
Schehersad bemerkte hier den Tag und schwieg; in der folgenden Nacht erzählte sie: