206 Fünfzigste Nacht.
„Ich warf nunmehr das Schwert weg und sprach zu dem Geiste: „O, du mächtigerGeist, wenn ein Weib von schwächlicher Natur, leichtfertigem Verstände und übereilterZunge, einen unbekannten Menschen nicht unschuldigerweise erschlagen wollte, wie sollich überlegender Mann so etwas thun, lieber will ich den Todesbecher leeren, als einsolches Verbrechen begehen." Der Geist erwiderte hierauf: „Ihr sollt nun gleich er-fahren, daß ihr mir nicht ungestraft trotzen dürfet." Dann ergriff er das Schwert undhieb der Schönen zuerst die rechte und dann die linke Hand ab; sie fiel sterbend hin undwinkte mir ein ewiges Lebewohl zu. Auch ich fiel in Ohnmacht und wünschte nur rechtbald, durch den Tod von meinen Qualen befreit zu werden. Als ich wieder zu mirkam, sagte der Geist: „Du hast gesehen, wie Untreue bestraft wird. Bei uns Geisternist es Sitte, daß, sobald ein Weib uns untreu geworden, wir sie nicht mehr berührendürfen und es bleibt uns nichts übrig, als sie umzubringen. Was nun aber dich be-trifft, da ich doch von deiner Schuld nicht überzeugt bin, so kannst du wählen, in welcherGestalt von folgenden Thieren du verwandelt werden willst. Du kannst unter einemHunde, einem Esel, einem Löwen oder irgend einem andern wilden Thiere, oder aucheinem Vogel wählen." Da ich nunmehr beim Geiste schon einige Spuren der Mildewahrgenominen, sagte ich zu ihm: „O erhabener Geist! wie großmüthig wärest du,wenn du mir gänzlich verzeihen wolltest, wie jener Beneidete dem Neider verziehen."Als der Geist fragte, was das für eine Geschichte wäre, erzählte ich ihm Folgendes:
„Es wohnten einst zwei Männer hart neben einander in einer Stadt, einer derselbenbeneidete den andern und gab sich alle mögliche Mühe, seinen Nachbar zu kränken undihm allerlei Unannehmlichkeiten in den Weg zu legen. Der Neid plagte ihn so sehr,daß er zulezt, vor Erbitterung über den immer zunehmenden Wohlstand seines Nachbars,weder essen, trinken noch schlafen konnte. Als der Nachbar dieses bemerkte, beschloß er,die Nähe eines so bösen Menschen zu meiden, und nicht nur sein Haus, sondern auchdie Stadt zu verlassen, um an einem fremden Orte sich niederzulassen. Er kaufte daherein Stück Land in der Nähe einer andern Stadt, das er mittelst einer alten Cisternewässern und fruchtbar machen konnte. Er lebte hier still, zurückgezogen, in frommerAndacht. Er war aber so wohlthätig gegen Arme, die ihn von allen Seiten her besuch-ten, daß man doch bald in der nahen Stadt viel von ihm redete und die vornehmstenLeute ihn zuweilen in seiner Einsamkeit besuchten. Als nun dem neidischen Nachbar dieszu Ohren kam, begab er sich auf das Gut seines ehemaligen Nachbars, sprach zum Be-neideten, ich habe etwas Wichtiges mit dir allein zu sprechen, lasse die Armen sich zurück-ziehen, die dich umgeben. Nachdem diese, auf Geheiß des Gutsbesitzers, sich entfernt