12 Buch I. Drittes Hauptstück,
schwächten Thüringer und die mächtigen Sachsen, welche da-mals unter dem Namen der Ost- und West-Falen, Engem undNordalbinger die ausgedehnten Striche des nördlichen Deutsch-lands vom Rothhaargebirge und dem Harze säst bis zur Nord-see, und von der Eider und Elbe bis zum Rheine bewohnten.Zwischen ihnen und den Slavcn war die natürliche Abneigungfreier kriegerischer Völkerschaften verschiedener Abstammung,Sitte und Sprache, die sich nur in Schwerdterschlägen ver-ständlich machte und beiderseits Jahrhunderte hindurch mit demFeuer, welches die Wohnungen der streitigen Grenzen ver-zehrte, blutige Spuren hinterließ. So entflammte heftige Na-tionalfeindschaft Slaven und Deutsche für immer, bis auf denheutigen Tag. Manche Schlacht mag geschlagen, manche Thatder Ehre, manches Opfer dem Vaterlande gebracht worden,der Helden mancher gefallen sein; aber vergessen ist's, dennSänger und Geschichtschreiber fehlten, welche die Thaten aufdie Nachwelt bringen. Darum haben rohe Völker keine Ge-schichte, sie gehört der Bildung an, welche allein aufbewahrtzu werden verdient, um das vom Strahle der Natur nichtmehr unmittelbar erwärmte Herz des Menschen wieder zu er-starken durch die Erinnerung an die Thaten der Väter. DieKriege jener Wilden sind wie die der Sperber und Krähen,der Tag verschlingt ihr Andenken.
Der Gegensatz zwischen Deutschen und Slaven trat aberdoppelt stark hervor, seitdem Karl der Große den Sachsen dasChristenthum und die Anfänge der Bildung aufgedrungcn, sei-ne Herrschaft über die Böhmen und Chrobatcn bis zu den Kar-pathen und der Weichsel, und mit Hülfe der Obotriten überdie Sorben und Leutizcn bis zur Peene ausgedehnt hatte.Seitdem galt es nicht, die streitigen Grenzen, sondern diehochgehaltene Freiheit und die alten geliebten Götter zu vcr-theidigen. Christcnthum und Heidenthum standen unversöhn-lich gegen einander.
Der große Karl, der mit klarem Blicke die so mannich-faltigcn Verhältnisse seiner Reiche gegen die Nachbaren um-fasste, nahm den überwundenen Slaven weder ihre Fürstennoch ihre alte Verfassung, selbst das Christcnthum wagte etnicht sogleich ihnen aufzudringcn, ehe dasselbe in Sachsen ge-