228
dem Strome entreißen, mit dem wir fortgezogen werden.Cs muß uns mächtig daran erinnern, daß wir unsterblichsind, und auch schon in diesem Leben, viel glückseliger seynkönnten.
Der Mensch, auf diese Höhe geführt, und in diesem Ge-sichtspunkte angesehen, ist der eigentliche Zuhörer, den diehöhere Poesie verlangt.
Man kann hier, auch ohne Offenbarung, schon weit gehn.Homer ist, außer seiner Göttergeschichte. die er nicht er-funden hatte, schon sehr moralisch. Wenn aber die Offen-barung unsre Führerin wird; so steigen wir von einem Hügelauf ein Gebirge.
Uonngs Nächte sind vielleicht das einzige Werk der höher»Poesie, welches verdiente, gar keine Fehler zu haben. Wennwir ihm nehmen, was er als Christ sagt, so bleibt uns So-krates übrig. Aber wie weit ist der Christ über Sokrateserhaben!
Vielleicht sind auch noch folgende Anmerkungen, in Be-trachtung dessen, was ich von der heiligen Poesie zu sagenhabe, nicht überflüssig.
Wir haben uns gewöhnt, der Seele Verstand, Einbildungs-kraft, und Willen, als Hauptkräfte, zu geben. Das Gedächt-nis, das immer mit jenen zugleich wirkt, gehört nicht hier-her. Wer Werke der höhern Poesie unternimmt, sieht dieß,nach seinem Entzwecke, so an.
Die Einbildungskraft ist ihnn öfter eine Malerin desgroßen und furchtbaren Schönen in der Natur, als ihrersanftrührenden Gegenstände. Indem er jenes malt, gelingenihm alsdann die stärksten Züge, wenn er sich, durch das Feuerseiner Abbildung, der Leidenschaft nähert.
Dem Verstände legt er am liebsten diejenige Wahrheiten