Druckschrift 
3 (1847) Die Kleinstädter und der Fremdling. Novellen : mit sechs Stahlstichen
Entstehung
Seite
211
Einzelbild herunterladen
 

211 So

zukchrcnd, in einem Kästchen voll Scheidemünzen. Indes-sen gewann er Zeit, sich Rosamnndcn zu nähern und ihrein kleines Päckchen unbemerkt in die Hand zu drücken.Sic crschrack, griff aber, um Geräusch zu vermeiden, ge-schwind darnach, und verbarg eS eben so schnell. Erschlich an seinen Platz bei der Thiirc zurück, empfing vonder sparsamen Hosmeisterin einige Gröschlcin, und gingmit dem leere» Korbe fröhlich davon.

Rosamunde machte sich bald ein Geschäft außer demZimmer, verschloß sich in ihre Kammer, öffnete das erhal-tene Packet, und fand mit Erstaunen eine seideneStrickleiter, nebst folgendem Briefe:

Holdes Fräulein! Eure strenge Sittcnmcistcrin, derenheiligen Eifer mein Kopf noch heute fühlt, erwachteneulich so ganz zur Unzeit, daß mir mein Name, denich eben aussprechen wollte, auf der Lippe erstarb.Ich darf ihn diesem Blatte nicht anvcrtrancn; dennso cs in Unrechte Hände fiele, stünde meine Sache sehrschlimm. Nur Euch will ich mich unter vier Augennennen; doch warne ich Euch voraus: erschreckt nichtvor meinem Namen!^ Ein Name ist ein leererSchall; ich aber bin ein Biedermann, dessen darf ichmich rühmen. Ich wollte lieber meine beiden Augenverlieren, als mich einer unedlen That gegen Euchschuldig machen. Scheut Euch also nicht, dieseStrickleiter um Mitternacht an ein Fenster zu befesti-gen , wo keine Wache in der Nähe steht. Ich werdeleise, wie ein schwebender Schatte», ans diesem WegeZn Euch kommen, um aus Eurem Munde zu hören,ob Ihr mich liebt oder haßt. Bedenkt, che Ihr diesesUrtheil sprecht, daß Ihr über das Herzensloos eines