-»S 62 <§»
der Dichtkunst die Rede ftp, so schweigen sie lächelndund denken in ihrem Herzen: ist das nicht ein Wesen umeinen unnützen Mann!"
„So findet man also in Deutschland wahre Böotier?"sagte Richard.
„Sehr häufig!" rief Kreisel. „Denn ich behaupte mitGoethe:
— wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt,
Ist ein Barbar, er scy auch wer er sei). —
Der Malerei ergeht es nicht besser. Nur die Tonkunst wirdgeachtet, wird von den weichlichen, verzärtelten Deutschenfast überschätzt und verschwenderisch belohnt. Ich kennereiche Leute, die das ganze Jahr lang kein Buch kaufenund den Leihbibliotheken keinen Groschen zollen, um dietrefflichsten Dichter zu lesen: aber für eine Arie, die ihnenein berühmter Sänger vorträgt, verschenken sie goldne Do-sen und Demantringc. Das macht auch die Tonkünstlcrnicht wenig stolz! Sie betrachten sich überall, wo sie, mitdem Dichter vereint, ein Kunstwerk bearbeiten, als dieHauptperson; und das sind sie ddch kcineswegcs! Sie über-malen gleichsam nur die Zeichnung des Dichters mit denFarben der Töne. Das ist besonders bei dem Singcspieleder Fall. Aber wer bedenkt das? — Immer wird nurvon der Musik gesprochen. Das Werk des Dichters kommtnicht in Betrachtung. Dafür rächen sich aber auch seitlangen Zeiten die Dichter. Selten unterzieht sich einervon Bedeutung der dankloscn Arbeit, eine Oper zu schrei-ben. Die Tonsctzcr müssen daher meistens ihre Kunst anPoetische Mißgeburten verwenden."
„Es ist zu beklagen, daß die schönen Künste nicht inni-ger und schwesterlicher zusammen lebensagte Richard'